Geschichte des Rechts X: Unheilvolles Buch - Der Hexenhammer

Es ist ein stürmischer Herbstabend im Jahr 1487. Weil er noch gut zwei Tagesmärsche von zu Hause entfernt ist, bezieht Heinrich Kramer in dieser Nacht ein kleines Gästezimmer in der örtlichen Dorfschenke. Während im Erdgeschoss die Menschen singen, tanzen und mit Würfeln spielen, verzieht sich der Dominikanerinquisitor sofort auf sein Zimmer. Ihm ist aktuell nicht nach Vergnügen. Zu viele Misserfolge hat er in den letzten Monaten hinnehmen müssen.
Wieder einmal hat er versucht, Menschen von dem Bösen zu unterrichten und von seinen kruden Hexen- und Teufelstheorien zu überzeugen. Aber auch die Bevölkerung der Region Innsbruck und der dortige Bischof zeigten sich alles andere als begeistert und wollten nichts von ihm oder Hexerei wissen. Niemand schenkt Heinrich Kramer Gehör. Und das, obwohl er mittlerweile sogar von Papst Innozenz VIII. in seinem Bemühen unterstützt wird.
Während der Wind inzwischen durch die Ritzen der Holzwände zischt, beginnt Heinrich Kramer aufgewühlt im Kerzenlicht auf ein Blatt Papier zu kritzeln…  

Historisch belegt ist diese Szene zugegebenermaßen nicht. Doch es stimmt, dass der Dominikanerinquisitor Heinrich Kramer aus Frust infolge seiner „missionarischen“ Misserfolge eines der unheilvollsten Bücher aller Zeiten schrieb: „Malleus Maleficarum“, zu Deutsch „Der Hexenhammer“. Dieses Buch, welches als Exponat im Kriminalmuseum zu finden ist, war mitverantwortlich für die grausamen Hexenverfolgungen im Europa der Frühen Neuzeit. Abertausende Unschuldige – vor allem Frauen – wurden auf dessen Grundlage als Hexen verurteilt und hingerichtet.

Hexen und Hexereidelikte hat sich Heinrich Kramer allerdings nicht selbst ausgedacht. Der Glaube an Schadenszauber, Teufelspakt und – buhlschaft, Hexenflug und Teilnahme am Hexensabbat – laut ihm machen diese fünf Punkte das Hexereiverbrechen aus - war bereits ein lange tradiertes Gedankengut. Aber erst mit Anfang des 15. Jahrhunderts wurden Hexen langsam mit diesen Punkten in Verbindung gebracht. Bußprediger und Inquisitoren glaubten überall auf Zauberei und Hexen zu treffen und wühlten durch Predigten und Untersuchungen die Menschen auf. Beim Austausch mit anderen geistlichen Würdenträgern vermischten sich mit der Zeit dann die scheinbaren Erlebnisse, wodurch beispielweise plötzlich auf Gegenständen fliegende Frauen ins Spiel kamen.

Im Hexenhammer schrieb Heinrich Kramer sein „Wissen“ zu dem Thema Hexerei ausführlich nieder und legte dabei besonderes Augenmerk auf das weibliche Geschlecht. Das ist verwunderlich, da die Inquisition bis ins 15. Jahrhundert beide Geschlechter inkriminierte. Zudem waren die bedeutendsten Ketzer und Magier der Renaissance männlichen Geschlechts. Hegte Heinrich Kramer vielleicht einen Groll gegen eine ganz bestimmte Frau, was ihn zu dieser Fokussierung trieb?  

Der Hexenhammer war äußerst erfolgreich. Denn das Buch traf den Nerv der Zeit. Ende der 1470er Jahre kam es vermehrt zu Missernten und Krankheiten, was großes Leid für die Bevölkerung bedeutete. Heute weiß man, die Ursache dafür war eine kleine Eiszeit. Es wurde kälter. Unsere Vorfahren wussten allerdings nicht, wer oder was für ihr aktuelles Leid verantwortlich ist. Hexerei bot den Menschen eine Erklärung für all das. Der Hexenhammer, der unter anderem auch Schadenszauber für einen Pestausbruch verantwortlich macht, bestätigt die Menschen in ihrem Glauben. Zudem gibt ihnen das Buch entsprechende Gegenmaßnahmen mit an die Hand, um dem Leid vorzubeugen. Und zwar durch die Bekämpfung der Hexerei.

Mehr zum Thema Hexen bietet das Kriminalmuseum mit Europas größter Hexenausstellung.  

H. Kramer, Hexenhammer, 16. Jh., MKM 51157

Geschichte des Rechts IX: Tiere in der Rechtsgeschichte

Wir durchstöbern den Dachboden, beäugen interessiert einen Fund, der sich dann doch als wertlos entpuppt? Was hat dieser Satz mit Tieren zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Doch bei genauerem Hinsehen wird überraschenderweise deutlich, alle Verben entstammen dem „Jägerlatein“. Tiere und Jagd haben ihre Spuren in unserer Alltagssprache hinterlassen und sie aufzuspüren verspricht einen interessanten Streifzug durch die Geschichte von Mensch und Tier.

Seit Anbeginn teilen sich Zwei- und Vierbeiner die Erde. Schon die Bibel machte einst die Rangordnung klar: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde, und macht sie euch untertan … und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel am Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht.“ (1. Mose 1,28). Das Leben als Pferd, Schäfchen oder Hausmaus dürfte früher also alles andere als erquicklich gewesen sein. Wie viel besser haben es Tiere heute, mag man denken unter Geltung von Tierschutzgesetz, Grundgesetz und Unionsrecht, das bestimmt: „… die Union und die Mitgliedstaaten [tragen] den Erfordernissen des Wohlergehens der Tiere als fühlende Wesen in vollem Umfang Rechnung …“ (Art. 13 AEUV)

Doch wie so oft ist auch bei Mensch und Tier in Recht und Geschichte nicht alles schwarz/weiß. So finster wie die biblische Ermächtigung des Menschen zur Herrschaft über das Tier klingen mag, war sie möglicherweise gar nicht. Als Arbeitsmittel und Nahrungsquelle waren Tiere für den Menschen lange Zeit überlebenswichtig. Kaufpreise über Pferde konnten leicht die heutigen Preise für einen stattlichen Mittelklassewagen erreichen. Glücklich war der, der ein paar Haustiere sein Eigen nennen konnte. Schon ob dieses hohen Wertes von Tieren gingen viele Vorfahren mit diesen kostbaren Wertgegenständen meist sehr pfleglich um.

Gleichwohl bedrohten Tiere von Anfang an auch Leben und Wohlstand unserer Vorfahren. In einer Welt, in der nur jeder zehnte Rothenburger richtig satt wurde, waren lustige Hausmäuse im Kornspeicher oder Sperlinge und Amseln im Kirschbaum bedrohliche Nahrungskonkurrenten. Kopfschüttelnd hätten unsere Vorfahren das heute so beliebte und wichtige Vogelfüttern zur Kenntnis genommen. Im 18. Jh. waren sie verpflichtet, Spatzen zu erschlagen und Sperlingsnester zu plündern, um die Nahrungskonkurrenz einzudämmen um genügend Essen für die Familie auf den Tisch zu bekommen. Zudem waren die Müller seit dem Mittelalter verpflichtet, in ihren Mühlen Katzen zu halten, um die Zahl der Mäuse einzudämmen. Diese Pflicht hielt sich auch noch in den vielen Müllerordnungen der frühen Neuzeit, von denen eine in der Ausstellung gezeigt wird.

Besondere Aktualität erheischt die Ausstellung mit ihren Ausführungen zu Tieren als Krankheitsüberträgern. Was das Team um Museumsleiter Dr. Hirte vor zwei Jahren, als der Bereich „Pest“ konzipiert wurde, noch nicht ahnen konnte: Mit Corona bedroht uns 500 Jahre später eine Seuche, die ebenfalls von Tier auf den Mensch überging. Interessanterweise finden sich in den Pestordnungen alter Zeit erstaunlich viele Maßnahmen, mit denen wir auch aktuell die Seuche bekämpfen, etwa Meldewesen, Hygienemaßnahmen und Abstände, Quarantäne. Glücklich sind wir dennoch im Jahr 2020. Von der Entwicklung eines Impfstoffs in nicht einmal einem Jahr und einer globalen Logistik, die es schaffen könnte, eine ganze Weltbevölkerung in weniger als zwei Jahren mit Vakzinen zu schützen, konnten unsere leidgeprüften Vorfahren nur träumen. „Auch zum Nachdenken dazu lädt die Ausstellung, die wir hoffentlich bald wieder öffnen dürfen, ein“ so der Museumsleiter Dr. Hirte.

 

Müller-Ordnung, Augsburg, 1722.

Geschichte des Rechts VIII: Rechtsfantasien

1453, in den kalten Mauern eines Rothenburger Verlieses: Seit über einer Woche wird Anna Müller nun schon hier festgehalten. Sie wird beschuldigt, im Zuge der aktuell herrschenden Hungersnot ihr Neugeborenes ertränkt zu haben. Bislang schwieg sie zu den Vorwürfen. Für den heutigen Tag wurde deshalb die Peinliche Befragung, also die Tortur, angesetzt.
Es ist ein langes und kräftezehrendes Verhör. Irgendwann kann sie die Schmerzen nicht mehr ertragen. Unter Tränen gesteht Anna Müller schlussendlich den anwesenden Teilnehmern den Mord. Noch am selben Abend wird ihr Urteil verlesen: Tod durch die Eiserne Jungfrau.

Diese fiktive Szene könnte der Auftakt zu einem spannenden Kinofilm sein. Der sich für Stimmung und Atmosphäre die ein oder andere künstlerische Freiheit in Bezug auf historische Authentizität und Korrektheit nimmt. Denn einem der Protagonisten wird hier Unrecht getan. Ihm wird etwas unterstellt, das so ganz und gar nicht der Wahrheit entspricht.

In Mittelalter und Früher Neuzeit wurden Menschen im Zuge der Wahrheitsfindung und Rechtsprechung gefoltert und hingerichtet. Dabei gab es zahlreiche unterschiedliche, mal mehr und mal weniger grausame Folter- und Hinrichtungsmethoden. Die Eiserne Jungfrau zählt heutzutage wohl zu den bekanntesten. Dabei hatte sie mit Folterungen und Hinrichtungen überhaupt nichts zu tun. Aber viele Menschen haben ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, wenn sie diesen Begriff hören: Einen hölzernen oder metallenen Mantel mit Frauengesicht. Im Inneren ist er mit langen Stahlspitzen bestückt, die den Verbrecher beim Schließen des Mantels qualvoll durchbohren.

Woher kommt also dieses Bild? Romane, Filme oder Videospiele können dazu beitragen, dass Fakten und Tatsachen über die Zeit mehr und mehr mit einer Phantasie verschmelzen. Im schlimmsten Fall wird diese Phantasie schließlich zur scheinbaren Wirklichkeit. Die Eiserne Jungfrau taucht als grausames Hinrichtungsinstrument beispielweise in Bram Stokers „The Squaw“, dem Film „Sleepy Hollow“ oder dem Videospiel „Dungeon Keeper 2“ auf. Für die jeweilige Geschichte mag diese Darstellung aufsehenerregender sein, der Wahrheit entspricht sie aber nicht. Nach aktuellem Forschungsstand wurde niemand jemals auf diese Art und Weise hingerichtet. Das Mittelalter, welches oft schon als „Dunkles Zeitalter“ verrufen ist, und unsere Vorfahren werden grausamer als nötig dargestellt.

Die Folter diente auch nicht der Belustigung des Richters oder Anklägers, sondern war ein „Beweisgewinnungsverfahren“. Da es in dieser Zeit weder Videoaufnahmen noch DNA-Spuren gab, die einen Täter hätten überführen können, mussten unsere Vorfahren andere Wege gehen, um an ein Geständnis zu gelangen. Ihr Mittel der Wahl war die Folter. Und jede Tortur musste – von Gesetzes wegen – protokolliert werden, weshalb es in Archiven unzählige überlieferte Folterprotokolle gibt. Wäre die Eiserne Jungfrau ein Folterinstrument gewesen, so würden es Dokumente belegen können. Allerdings gibt es – nach aktuellem Stand – kein einziges Dokument, in welchem von einer Foltermethode mit der Eisernen Jungfrau die Rede ist.

In den Archiven finden sich außerdem keine Todesurteile mit der Eisernen Jungfrau als Hinrichtungsart oder Bilder beziehungsweise Flugschriften, die von solch einer Hinrichtung zeugen würden. Und das obwohl gerade „spektakuläre“ und besonders grausame Vollstreckungen in der damaligen Zeit gerne festgehalten wurden.

Das Kriminalmuseum hat eine solche Eiserne Jungfrau in seiner Präsenzausstellung. Das Exponat stammt aus dem 15./16. Jahrhundert und kommt ursprünglich vermutlich aus Böhmen. Die eisernen Spitzen im Inneren des Mantels sind dagegen französische Tüllenbajonette aus den Befreiungskriegen (1813-1815). Sie wurden erst im 19. Jahrhundert angebracht. Am wahrscheinlichsten ist deshalb, dass die Eiserne Jungfrau „lediglich“ als Ehrenstrafvollzugsgerät verwendet wurde. Beispielsweise konnten bei kleineren Vergehen – vorzugsweise – Frauen in den hölzernen Schandmantel gesperrt werden. Nach abgesessener Strafe wurden sie aber wieder herausgelassen.

Die Eiserne Jungfrau im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

Geschichte des Rechts VII: Des Reiches Glanz …

… groß wie ein Kochtopf. So besang Walther von der Vogelweide im 13. Jahrhundert die Krone Kaiser Friedrichs`II. Dabei handelte es sich nicht um Spott. Vielmehr hatte die Reichskrone tatsächlich einen beeindruckenden Durchmesser von fast 23 cm; in heutiger Hutgröße XXXXL! Klar, dass nie ein Kaiser einen derart großen Kopf hatte. Allerdings wurde die Krone auch nicht auf dem blanken Haupt getragen. Vielmehr ruhte sie auf einer Art kleinem Turban und sollte auch etwas über dem Kopf abstehen, damit von den Seitenplatten Perlenschnüre, sogenannte Pendilien, als Schmuck abhängen konnten. Auch sonst ist sie in vielerlei Hinsicht einzigartig. Sie ist die weltweit einzige Krone in oktagonaler Grundform. Sie besticht durch ein auf der Stirnplatte aufgestecktes großes Stirnkreuz sowie einen aufgesetzten hochkantigen Bügel mit einer aus 144 winzigen Perlen gebildeten lateinischen Inschrift. Bemerkenswert sind auch die jeweils 12 riesigen Edelsteine auf Stirn- und Nackenplatte, die prächtigen Schläfenplatte sowie die kunstvoll gestalteten vier Emailplatten mit biblischen Szenen.

Der Legende nach soll diese Krone von Kaiser Karl dem Großen getragen worden sein, als er sich Weihnachten 800 n.Chr. in Rom vom Papst zum Kaiser hat krönen lassen. Neuere Forschungen datieren die Krone jedoch deutlich später, ins 11. Jahrhundert. Dass die Krone derart groß und symbolgeladen war, erklärt sich aus der Zeit heraus. Das Mittelalter war eine weitgehend von Mündlichkeit geprägte Epoche - weniger als 1% der Menschen konnten lesen und schreiben. Bildzeitung, Tagesschau und ntv-App waren noch nicht erfunden. Woran sollte ein Rothenburger im 13. Jahrhundert erkennen, dass vor ihm ein bedeutender Herrscher stand? Symbolen und rituellen Handlungen kam von daher eine ganz besondere Rolle und Bedeutung zu.

Für das Mittelalterliche Kriminalmuseum als Europas bedeutendstes Rechtskundemuseum sind Rechts- und Herrschaftssymbole von ganz besonderer Bedeutung. Sie zeigen, dass viele dieser Gegenstände früher mehr waren als die Summe ihrer wertvollen Bestandteile. Sie waren Symbole der Macht und wiesen einen Herrscher als solchen aus; gingen also über sich selbst hinaus. Deshalb verwundert es nicht, dass im Museum wertvolle Nachbildungen der Herrschaftszeichen des Reiches, die sog. Reichsinsignien, ausgestellt werden, Reichskrone, -zepter und -apfel sowie die Heilige Lanze. Im neu konzipierten zweiten Obergeschoss leiten sie die Vertiefungsinsel zur Verfassungsgeschichte des Reiches ein. Für die Reichsstadt Rothenburg hatten Krone und Kaiser eine besondere Bedeutung, war Rothenburg doch letztlich „nur dem Kaiser untertan“. In der Geschichte des Rechts nimmt der Kaiser eine exponierte Rolle ein, verkörperte er doch Gottes weltlichen Stellvertreter auf Erden und damit den obersten Richter, obersten Verwalter und obersten Gesetzgeber.

Eine Gewaltenteilung zwischen Judikative, Exekutive und Legislative, wie wir sie heute kennen, war dem Mittelalter fremd. „Erfunden“ wurde sie im Laufe der Aufklärung zur Machtbeschränkung der absolutistischen Herrscher. „Wir können die Gewaltenteilung ganz aktuell bei der Arbeit sehen, etwa in den U.S.A., wo sich einzelne mutige Richter dem Präsidenten und seiner exekutiven Machtfülle entgegenstellten und ihn auf den Boden der Rechtsstaatlichkeit zurückholten.“ So Dr. Hirte. Im Mittelalter hielten sich die verschiedenen Mächte anderweitig in Balance. So konkurrierten die Fürsten mit dem Kaiser um Macht und Einfluss; Ausfluss dessen ist noch heute unser Bundesstaatsprinzip. Aber auch Glaube und Kirche wirkten durchaus begrenzend und korrigierend auf die weltliche Macht. Wohl bekanntestes Beispiel dafür dürfte der Investiturstreit sein.

Möglicherweise etwas befremdlich in unserer heutigen, oft säkularen Denkwelt, dürfte die machtbegrenzende Funktion des eigenen Glaubens des jeweiligen Herrschers selbst gewesen sein. Die Krone auf seinem Haupt erinnerte den Kaiser mit ihrer herrschaftstheologischen Symbolik immer wieder an seine Pflichten.

Die oktagonale Grundform der Krone verweist auf Sintflut, Bergpredigt, Auferstehung und ewiges Leben. Die jeweils zwölf Edelsteine auf Stirn- und Nackenplatte deuten auf die zwölf Grundsteine des himmlischen Jerusalems der Johannesoffenbarung. Zudem verweisen die zwölf Edelsteine der Stirnplatte auf die zwölf Apostel und den Neuen Bund sowie jene der Nackenplatte die zwölf Stämme Israels und den Alten Bund. Die zwei weitgehend gleichen Seitenplatten erinnern an die Darstellung der Thronanbetung der 24 Ältesten nach der Johannesoffenbarung und auch die Anzahl und Gruppierung der Perlen auf den Seitenplatten lassen sich mit Passagen aus der Offenbarung in Verbindung bringen.

Die vier Bildplatten sind durchdrungen von der politischen Theologie eines mit dem alttestamentarischen Königtum in Beziehung gesetzten Christuskönigtums. Sie verweisen auf die mittelalterliche Krönungsliturgie und beschreiben die wichtigsten Eigenschaften guten Herrschens. Die Bildplatte mit König David verweist auf die Gerechtigkeit und jene mit König Salomon auf Weisheit und Gottesfurcht. Die dritte Bildplatte mit König Hiskia und dem Propheten Jesaja weist als Memento Mori auf die Sterblichkeit des Königs hin, der auf die Gnade leiblichen Lebens angewiesen ist. Die vierte Bildplatte mit dem von zwei Engeln umgebenen Christus verweist mit der Selbstaussage „Durch mich regieren die Könige“ auf das Gottesgnadentum.

Dem Träger und allen anderen sollte durch die Krone also letztlich deutlich gemacht werden, dass dem gerechten christlichen Herrscher die Teilhabe am Reich des Herrn Jesus Christus in Aussicht stehe; dem Jesus Christus, dessen Geburt wir zu Weihnachten auch im Corona-geschüttelten Jahr 2020 feiern.

Nachbildung der Reichskrone mit Reichsinsignien © Mittelalterliches Kriminalmuseum

Geschichte des Rechts VI: Der endliche Rechtstag

"Wo Du geduld hast in der pein, so wird sie Dir gar nützlich sein, darum gib dich williglich darein." In den Augen der aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts mag dieser Spruch über einer bildlichen Darstellung des Wegs zum endlichen Rechtstag in der Bamberger Halsgerichtsordnung aus dem Jahr 1508 wir perfider Hohn klingen. Einen zum Tode verurteilten auf seinem letzten Gang zur Richtstätte darauf hinzuweisen, dass seine Hinrichtung ihm „nützlich“ sei? Was haben sich unsere Vorfahren dabei gedacht? Waren sie menschenverachtende Barbaren? Was sagt dieser wertvolle Holzschnitt über das Rechtsdenken der Franken im 16. Jahrhundert aus?

Schauen wir ihn uns genauer an: Der Schnitt zeigt eine Prozession am endlichen Rechtstag aus der Stadt zur Richtstätte. Die erste Person dürfe ein Richter oder Gerichtsdiener sein, der den Richterstab als Justizsymbol sowie ein Zeremonienschwert als Rechtssymbol trägt. Die zweite Person ist ein Mönch, dargestellt durch Habit, Kapuze und Geldsack. Das Kruzifix symbolisiert auch den letzten Gang zur Hinrichtung. Die Kopfbedeckung des Verurteilten (dritte Person) könnte ein Hinweis auf einen (höheren) Stand sein. Die vierte Person (grau) ist nur angedeutet und schwer zu interpretieren. Die fünfte Figur mit dem deutlich sichtbaren Schwert ist der Scharfrichter. Dies ergibt sich zweifelsfrei aus der Rezeptionsgeschichte der Holzschnittfolge, in der spätere Fassungen des Schnittes den Scharfrichter in besonders auffälligen Kleidung und Hut zeigen. Die sechste Person, welche das Schwert etwas verdeckt und einen markanten Umhang trägt, könnte ein hoher weltlicher Würdenträger (Bürgermeister, Graf etc.) sein. Dafür spricht auch die Darstellung dieser Person auf beigefügtem Holzschnitt auf dem Pferd. Die übrigen Personen sind Schaulustige/Stadtbevölkerung.

Doch wie ist dieser heute so verstörende Leitspruch zu deuten? Ein Erkenntnisgewinn erlangen wir nur, wenn wir uns in die Glaubenswelt und Lebenswirklichkeit unserer Vorfahren hineindenken. In der Vorstellungswelt der christlichen Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit war der Tod nicht das Ende eines schönen und erfüllten Lebens auf Erden; wie für viele heutzutage in unserer zunehmend glaubensfremden und wenig geheimnisvoll-mystischen Welt. Seinerzeit war der Tod ein Durchgangsstadium von einer schweren, harten und leidvollen diesseitigen Welt in eine jenseitige Welt.

Wie hart, beschwerlich und entbehrungsreich das Leben der einfachen Menschen war, können wir uns heute kaum vorstellen. 90 % der Weltbevölkerung hungerten ein Leben lang. Weit mehr als 10 Schwangerschaften waren im Leben einer Frau keine Seltenheit; wenn mehr als drei Kinder das 18. Lebensjahr erreichten, war das schon ein Glücksfall. Not, Leid und Elend trieb viele in die Kriminalität. Dies erhöhte die Not der „Rechtschaffenen“. Die durch Kriege und Entbehrungen verrohte Gesellschaft ging wenig zimperlich miteinander um. Räuberbanden legten oft eine erschreckende Brutalität bei ihren Raubzügen an den Tag. Weniger als 10 % der Verbrechen konnte aufgeklärt werden. Abschreckung schien der einzige Weg, dem Verbrechen Herr zu werden.

In einer derart harten Zeit gab es für unsere Vorfahren nur einen einzigen Lichtstreif am Horizont: Das Jenseits. Ein Leben im Paradies … fernab von allem irdischen Leid. Doch der Weg ins Paradies war ein Steiniger. Dem Sünder drohten Hölle oder doch zumindest das Fegefeuer; dies galt umso mehr für einen Straftäter, der den Dekalog verletzte und Gott zürnte. Und doch offerierte die christliche Heilslehre auch dem Schwerverbrecher eine vage Hoffnung auf das Paradies. Der Schlüssel zum Verständnis des Strafens in alter Zeit liegt für den Museumsleiter Dr. Markus Hirte im Lukasevangelium (Lk 23,42.43). In der dortigen Kreuzigungsszene richtet einer der beiden neben Jesus gekreuzigten Schwerverbrecher folgende Worte an den Sohn Gottes: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Buße, Reue und die aufrichtige Bitte um Vergebung konnte selbst dem Schwerstkriminellen die Tür ins Himmelreich öffnen. Dies erklärt, warum viele Straftäter tatsächlich freiwillig gestanden und warum die Obrigkeiten immer wieder versuchten, den Überführten die Bedeutung der Reue und Buße für seinen Weg ins Jenseits klar zu machen. Die quellenmäßig belegten Gebete und Fürbitten der Menschen am Richtplatz scheinen deshalb weder perfide noch systemkritisch. Vielmehr erzählen sie von einer jenseits orientierten und heute teilweise sehr fremden Welt unserer Vorfahren.

Was können wir daraus für heute lernen? Für Dr. Hirte sind dies zunächst und vor allem Wertschätzung für die Errungenschaften des modernen Rechtsstaats und unseres heutigen Straf- und Strafprozessrechts. Hohe Aufklärungsquoten dank guter Polizeiarbeit, ein Sozialstaat der in Not geratene Menschen auffängt, anstatt sie in die Kriminalität zu treiben und eine humanes Strafensystem in einer weitgehend gewaltfreien bürgerlichen Gesellschaft verweisen Todesstrafen und endliche Rechtstage aus der Lebenswirklichkeit in das Museum und Vitrinen.

Prozession zum endlichen Rechtstag, Holzschnitt aus der Bamberger Halsgerichtsordnung, Mainz 1508 © Mittelalterliches Kriminalmuseum

Geschichte des Rechts V: Von dem Richter nach dem Richter

Unter den dramatis personae des endlichen Rechtstags fasziniert bis heute die Meisten der Scharfrichter, vulgo Henker. Um keine Amtsperson der Strafrechtsgeschichte ranken sich mehr Mythen und Legenden. So wundert es nicht, dass sich am Ende des Rundgangs durch die Geschichte des Verfahrens in alter Zeit ein ganzer Themenbereich des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber dem Scharfrichter widmet. Im Gegensatz zu den vielen landläufigen „Dungeons“ und „Folterkammern“ erschöpft sich die Darstellung des Henkers hier nicht in ein paar Hinrichtungsgegenständen und gruseligen Bildern. Vielmehr offenbart die Präsenzausstellung die vielschichtigen sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, in die der Scharfrichter in einer Reichsstadt wie Rothenburg eingewoben war. Dem bildungspädagogischen Ansatz des Hauses folgend räumt auch dieser Ausstellungsbereich mit diversen Fehlvorstellungen auf und lässt dem ein oder anderen Gast beim Lesen der Texttafel ein überraschendes „Achso?“ oder „Echt?“ entweichen.

So ist vielen Gästen oft nicht bewusst, dass auch der Rothenburger Scharfrichter ein öffentlicher Angestellter war, der sich bei der Stadt bewerben musste. Im weit über die Landesgrenzen bekannten und von Forschern hochgeschätzten Rothenburger Stadtarchiv sind solche Bewerbungsschreiben noch heute verwahrt. Aus den Quellen ist auch zu entnehmen, dass der Rothenburger Henker eine gar nicht mal so schlechte Festvergütung erhielt. Seine variable Vergütung hinzugerechnet, erreichte er zeitweise fast das Salär des Rothenburger Stadtbaumeisters. Eine gute Partie … mag man denken? Weit gefehlt! Auch wenn er oft sehr wohlhabend war, mieden ihn doch die Bewohner der Stadt. Schon der öffentlich wahrnehmbare Kontakt mit ihm galt als ehrmindernd. Nicht zuletzt deswegen setzten sich ab dem Hochmittelalter auch für diese Randgruppe besondere Kleidervorschriften durch, wie etwa auch für Juden.

Um die Henkerskleidung, vor allem seine Kopfbedeckung, ranken sich viele Mythen. Viele glauben, früher sei der Scharfrichter voll maskiert gewesen mit einer schwarzen Spitzhaube, wie man sie heute noch beim rassistischen „Ku-Klux-Klan“ trägt. Diese Vorstellung speist sich aus bildlichen Darstellungen des 19. Jahrhunderts, die von Hollywood und der Unterhaltungsindustrie immer wieder repetiert werden, weiß der Museumsleiter Dr. Hirte zu berichten und weiter: „Selbst bei historischen Schauspielen, im Reenactment-Bereich und auf jedem zweiten Mittelaltermarkt stolpert man über diese maskierten Henker“. Nur mit der Wirklichkeit der frühen Neuzeit hatte das wenig zu tun. Ein Blick in die zeitgenössischen Rechtstexte, vor allem die Kleider- und Polizeiordnungen, sowie die Holzschnitte und Kupferstiche zeigen, dass die Scharfrichter immer modisch und auffallend gekleidet waren. Mal trugen sie opulente Hüte, die den Royals im Buckingham-Palace das Staunen ins Gesicht getrieben hätten. Ein anderes Mal hatten sie fesche große Federn an den Hüten oder farbige Applikationen an den Umhängen.

Eine Maske oder Haube, die das Gesicht vollständig bedeckt, ist quellenmäßig nicht belegt. Es ist auch schwer vorstellbar, wie ein Scharfrichter seine Tätigkeit bei so eingeschränkter Sicht hätte durchführen sollen. Überdies macht eine Maske zum Anonymisieren überhaupt keinen Sinn. Schließlich kannte jeder Rothenburger „seinen“ Scharfrichter. Schließlich war er ein öffentlicher Angestellter und damit ein Teil der Stadtgemeinschaft, wenn auch ein gemiedener. Wobei … so ganz mieden ihn die Zeitgenossen dann doch wieder nicht. Der Scharfrichter galt vielen aufgrund seiner anatomischen Kenntnisse als versierter Mediziner. Dies umso mehr, als die „Schulmediziner“ oft gar nicht an menschlichen Leichnamen „lernen“ durften oder wollten. Auch vertrieb er (legalerweise) graumagische Gegenstände wie etwa Diebesdaumen, die unter der Türschwelle vergraben, vor Einbruch schützen sollten. Der landläufige Volksglauben trieb dergestalt durchaus Bürger in der Dunkelheit an die Tür des Scharfrichters, den sie tagsüber mieden wie der Teufel das Weihwasser.

Doch wie sah nun eine Scharfrichterkleidung aus? Ein originaler rostroter Scharfrichterumhang aus Wolle und Leinen, datiert auf das 17. Jh., eröffnet den Bereich des Scharfrichters im Kriminalmuseum. Neben der Ausräumung von „Kleidungsfehlvorstellungen“ erfährt der Besucher sodann, warum die Leibes- und Lebensstrafen in Alter Zeit so unvorstellbar hart und grausam waren. Dazu mehr in der sechsten Folge unserer Reihe!

Scharfrichterumhang im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

 

Geschichte des Rechts IV: Gerichte und Gerichte

Erbsen mit Speck, Rindfleisch mit Mostard, Schweinefleisch mit gelber Brühe, Schweinebraten, Käse und Brot, Gebratene Birnen mit Fenchel, Reisbrei mit Farn, zweierlei Brot und dazu zwei Liter Wein.“ Das diesjährige Weihnachtsmenü? Nein! Ein solch üppiges Menü erwartete in alter Zeit die Schöffen in Karden an der Mosel als sogenanntes Schöffenmahl. Während heuer Richterinnen und Richter in der Gerichtskantine auf eigene Kosten schlemmen, war es ab dem 16. Jh. in vielen Regionen des Reiches die Regel, dass die unterlegene Prozesspartei die Richter und Schöffen auf eigene Kosten nach dem Urteil verpflegen musste. So bekommt das Wort Gericht als Umschreibung einer Mahlzeit und als Umschreibung eines Spruchkörpers (etwa bei den Germanen Mahlstatt), eine ganz interessante und eigentümliche Verbindung. Als umfassendes Rechtskundemuseum beleuchtet das Kriminalmuseum neben den Straftaten, der Verbrechensaufklärung und dem Gang des Verfahrens auch die Gerichte, also die Spruchkörper. Um auch Gourmets unter den Gästen anzusprechen, werden auch kurzweilige Facetten angesprochen, etwa die Verköstigung der Richter. Und hier kann der Direktor des Kriminalmuseums, Dr. Markus Hirte, mit einigen „Kuriositäten“ aufwarten.

„Bereits 803 ordnete Karl der Große an, dass der Richter nüchtern sein solle. Später war dem Richter sogar das Essen bis zur Urteilsverkündung untersagt. Man hoffte so auf straffe und schnelle Verfahren. Ab dem 13. Jh. wurde den Richtern eine Morgensuppe zuerkannt, später dann auch ein Mittagsimbiss.“ In der Frühen Neuzeit setzte sich das gemeinsame Schöffenmahl nach dem Ende der Gerichtssitzung durch und wurde zu einem wesentlichen Bestandteil des Rechtslebens. Sollten sich Schöffen beim Mahl ungebührlich verhalten (Gezänk, Schlägereien, Betrinken, Übergeben), konnten sie zur Kostenübernahme des gesamten Mahls verpflichtet werden. Das Schöffenmahl erhielt somit zunehmend rituellen Charakter. Es festigte die Gemeinschaft und trug zur Entwicklung von gehobenen Tischsitten bei bis es mit der Aufklärung verschwand.

Ähnlich ritualisiert müssen wir uns auch die Rechtsfindung und Urteilsverkündung vorstellen. Seit dem Hochmittelalter fand das Strafverfahren zunehmend schriftlich und damit zwischen Aktendeckeln statt. Quod non est in actis, non est in mundo. Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt. Das mag für uns heute in Zeiten des mündlichen Strafverfahrens schwer vorstellbar sein. Doch in alter Zeit schuf die Schriftlichkeit die dringend benötigte Rechtssicherheit. Auch in einem anderen Punkt unterschied sich das alte Verfahren vom derzeitigen. Im Gegensatz zum heutigen öffentlichen Verfahren fand der Prozess früher unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die aus dem Kirchenrecht kommende Heimlichkeit des Verfahrens war ursprünglich dem ehernen Ansinnen geschuldet. Man wollte den Verdächtigen vor Vorverurteilungen in der Bevölkerung schützen. Seine Sünden sollten erst nach dem Urteilsspruch offengelegt werden. Gleichwohl brachte diese Heimlichkeit des Verfahrens ein neues Problem. Die Menschen konnten schwer nachvollziehen, wie denn nun das Recht „gefunden“ wurde. Als alle noch beim Lagerfeuer des Thing, der Mahlstatt, zusammensaßen oder jeder den gerichtlichen Zweikampf ansehen konnte, da war die Rechtsfindung jedem klar.

Um der Bevölkerung den Weg zum jeweiligen Urteil verständlich und nachvollziehbar zu machen, etablierte sich in der Frühen Neuzeit der endliche Rechtstag. An diesem wurde das Verfahren noch einmal öffentlich nachgespielt. Alle wesentlichen Verfahrensschritte wurden wie bei einem Theaterstück inszeniert. Die Anklage wurde verlesen, die Beweise gezeigt, die Folter gegebenenfalls angedeutet nachgestellt, das Urteil verlesen und der Stab über dem Verurteilten gebrochen. Letzteres ist heute noch sprichwörtlich. Das „über jemand den Stab brechen“ sollte der schaulustigen Bevölkerung zeigen, dass die Verbindung des Verurteilten mit der Gemeinschaft zerbrochen ist und er als Mensch gebrochen, also hingerichtet wird. Ein solches Todesurteil mit gebrochenem Stab findet sich in der Präsenzausstellung des Kriminalmuseums als Eröffnungsexponat des Bereiches „endlicher Rechtstag“. Was dieses Exponat so einmalig macht, ist neben dem dramatischen Sachverhalt, einer üblen Brandstiftung in der Hansestadt Gardelegen, dass neben dem Urteil auch die gebrochenen Stäbe noch erhalten sind. Dass dieses Stabbrechen keine belanglose Volkstümelei war, erhärtet ein Blick in das Strafgesetzbuch für das Reich, das auch in Rothenburg galt. Artikel 96 der Constitutio Criminalis Carolina von 1532 regelte sehr genau, wann der Richter wo und wie „seinen stabe zerbrechen mag“. Danach übergab er den Verurteilten dem Nachrichter, vulgo Henker oder Scharfrichter. Wie es dann weiter geht, erfahren Sie in der nächsten Folge unserer Reihe.

Todesurteil mit gebrochenem Stab, Bild/Holz, Gardelegen, 21.07.1685, MKM 25227

Geschichte des Rechts III: Die „Suche“ nach Beweisen

Seit Gott Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war das Leben nicht nur hart und schmerzhaft. Es war und ist vor allem auch konfliktreich. So suchten die Menschen von Anbeginn an Konflikte zu lösen. In den archaischen Frühzeiten griff man dazu meist und ausschließlich auf die Gewalt. Später mit dem Entstehen von Staaten rückte das Recht mehr und mehr ins Zentrum.

Im frühmittelalterlichen Franken mussten Verbrechen noch vom Opfer vor die Gerichtsversammlung gebracht werden, das sog. Thing. Der Geschädigte musste auf eigene Kosten und eigenes Risiko den Täter überführen. Gelang es ihm, gewann er den Prozess. Gelang es ihm nicht, drohte ihm (dann als Verleumder) die Strafe, die den Beklagten erwartet hätte. Das Verfahren war also riskant und teuer. Es war umso riskanter, als aus heutiger Sicht nur irrationale Beweismittel zur Verfügung standen. Videobeweis, DNA-Analyse oder Fingerabdrücke waren noch weite Zukunftsmusik. Als Beweismittel standen eigentlich nur der Reinigungseid sowie das Gottesurteil zur Verfügung. Beim Reinigungseid schwor der Beklagte, dass er unschuldig war. Je nach Verdacht und in Rede stehender Straftat musste er bis zu 72 Eideshelfer aufbringen, die mit ihm zusammen diesen Eid leisteten. Schlug der Eid fehl, etwa weil der Beklagte die erforderliche Zahl an Helfern nicht aufbringen konnte oder beim Eid sich verhaspelte oder stotterte, galt das als Eingreifen Gottes. Dann verlor er den Prozess oder musste zum zweiten Beweismittel greifen, dem Gottesurteil (Ordal).

Mit diesem übertrugen unsere Vorfahren die Beweisführung abermals auf überirdische Mächte, die sich im Ausgang des Ordals offenbarten. So sprach man dem Gewinner eines Zweikampfes auch den Sieg im Prozess zu. Da bereits seit frühester Zeit die Stellvertretung bei Gottesurteil zulässig war, gewann letztlich immer der bessere Kämpfer oder derjenige, der sich den besseren Ritter leisten konnte.

Im Hochmittelalter nahm der Druck der Kirche gegen diese Gottesurteile zu. Sie galten als verbotene Versuchung Gottes (tentatio dei) und wurden verboten. Da bei den Reinigungseiden alle Parteien bei Gott schworen, war auch dies theologisch bedenklich. Schließlich verstießen die Parteien damit gegen das 2. Mosaische Gebot (Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen). Nun standen die Richter vor einem veritablen Problem. Sie sollten die Wahrheit erforschen im neuen Inquisitionsprozess; waren aber aller ihrer „alten Beweismittel“ beraubt.

Da ergab es sich, dass in Italien eine längst verschollene Handschrift des spätrömischen Kaisers Justinian aus dem 6. Jahrhundert wiederentdeckt wurde mit römisch-rechtlichen Rechtstexten. Hier fanden sich auch Regelungen zur Folter als Beweisgewinnungsverfahren. Begierig griff man auf das alte römische Recht zurück, welches die Beweismittellücke nach der Delegitimierung der Gottesurteile zu schließen schien. Die Folter/Tortur kam also im Hochmittelalter auf in Folge von Änderungen des Beweisrechts.

Der Siegeszug der Folter im Hochmittelalter lässt sich jedoch nur dann gänzlich nachvollziehen, wenn man ihn in die Glaubenswelt der Menschen im Hochmittelalter einbettet. Dem Verbrecher des Mittelalters drohte neben der Todesstrafe im Diesseits auch die Höllenpein im Jenseits. Mit der ehrlichen Reue, Umkehr und Buße, dem Geständnis, bestand jedoch die realistische Chance für einen Weg ins Paradies, trotz begangener Verbrechen auf Erden; so die Vorstellung unserer Vorfahren. Das erklärt die zentrale Bedeutung des Geständnisses als Königin des Beweises im alten Strafverfahren. War dieses nicht beizubringen, konnte ein Straftäter nur mit zwei glaubhaften Augenzeugen überführt werden. Dies gelang jedoch nur in den seltensten Fällen. So griff man in ganz speziellen Ausnahmefällen, etwa bei Kapitalverbrechen, und bei ganz hohen Verdachtsschwellen, etwa einem Augenzeugen, auf die Folter zurück, um mit ihr zu einem Geständnis zu gelangen; oder auch nicht. Überstand der Inquisit die Folter, galt er als unschuldig und war freizulassen. Rechtshistoriker schätzen aufgrund ausgewerteter Gerichtsakten, dass – Hexenprozesse ausgenommen – fast jeder zweite die Folter ohne Geständnis überstand und dann freigelassen wurde.

Die Folter als Beweisgewinnungsverfahren fand im fränkischen Reichskreis gestuft statt. Die mildeste Form war das Androhen von Gewalt. Als zweite Stufe kam das Zeigen und Anlegen der Geräte zum Einsatz, ohne dass die Geräte angezogen wurden. Die dritte Stufe war die Verwendung von Bein- und/oder Daumenschrauben. Die Streckbank kam als vierte Stufe zum Einsatz. Die im Kriminalmuseum ausgestellte Streckbank stammt aus dem Elsass und war dort im 17. Jahrhundert im Einsatz. Als letzte und schwerste Stufe stand für Ausnahmeverbrechen der trockene Zug.

Streckbank mit Stachelrolle und Schnürung, Holz, Elsass, 17. Jh., MKM 11447

Ihr Verschwinden aus dem Strafprozess hat die Folter neben der Aufklärung und Humanisierung des Strafrechts vor allem den Änderungen im Beweisrecht des 18./19. Jh. zu verdanken sowie dem Entstehen einer Kriminalistik und modernen Verbrechensaufklärungswegen. Eines Geständnisses bedarf es heute nicht mehr zwingend, um zu verurteilen. Umso erschreckender ist es, dass dennoch in Teilen der juristischen Literatur über die Anwendung der Folter zur Gefahrabwehr ernsthaft wieder debattiert wird.

Geschichte des Rechts II: Das Verfahren

Immer schon versuchten die Menschen auf die Störung des gesellschaftlichen Friedens zu reagieren und diesen wiederherzustellen. Seit frühester Zeit griffen sie dabei auf das Recht zurück. Wenn man sich auf das Abenteuer „Zeitreise“ einlassen möchte, etwa im Mittelalterlichen Kriminalmuseum, dann ist für den Gast eines wichtig. Distanz! Distanz zu den uns manchmal fast schon zu selbstverständlichen Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Gleichheit. Tut man das nicht, findet man nur das ohnehin bereits „Gewusste“ in früheren Zeiten wieder. Etwa wie „schlimm die Kirche“ war oder „wie sadistisch“ unsere Vorfahren miteinander umgingen. Wie es zu Inquisitionsprozess und Folter kam, warum unsere Vorfahren beides im 13. Jahrhundert als bahnbrechenden Fortschritt begrüßten und weshalb wir auch heute noch vor entsprechenden Denkmustern nicht gefeit sind, dies bleibt dem voreingenommenen Besucher vermutlich verborgen. Wer mit einem Erkenntnisgewinn die Zeitreise durchs Kriminalmuseum bestreiten will, der sollte sich gänzlich und vorbehaltsfrei auf die Vergangenheit einlassen. 

Die Zeitreise durch das Kriminalmuseum startet am Eingang mit der Tat oder dem Unglück, das wohl fast jedem Verfahren vorangegangen sein musste. Welche Verfahrensarten in der alten Zeit zur Verfügung standen, erfährt der Gast dann im Keller, dem ersten Obergeschoss und vor allem im zweiten Geschoss. Schlüsselexponat dieser Stufe des Verfahrens ist eine päpstliche Entscheidung (sog. Dekretale) aus dem Jahre 1199. Sie befindet sich in einem sehr frühen Wiegendruck (auch Inkunabel genannt) des Kirchengesetzbuches Corpus Iuris Canonici aus dem Jahre 1486. Die aufgeschlagene Seite zeigt die Dekretale „Licet Heli“. Sie gilt als Meilenstein in der Entwicklung des kirchlichen Inquisitionsverfahrens, aus dem sich im 13. Jahrhundert rasch der weltliche Inquisitionsprozess entwickelte; mit ihm im Schlepptau die Folter.

Innozenz III., Licet Heli, 1199, in: Gregor IX, Decretales, Basel 1486, MKM 51029

 

Die in Mittellatein abgefasste Quelle ließt sich wie ein Politkrimi. Doch dieser spielt nicht in Washington oder Moskau, sondern in Norditalien (Po-Ebene) in der altehrwürdigen Benediktinerabtei Pomposa. Hinter den gewaltigen Klostermauern treffen wir im Jahr 1199 auf kein beschaulich-klerikales Zusammenleben. Vielmehr war die Abtei von schweren Streitigkeiten zerrissen. Eine Fraktion der Mönche warf ihrem Abt und Prior, Anselm von Pomposa, ungeheuerliches vor. Er soll sich des Ämterkaufs (Simonie) und des Meineides schuldig gemacht haben, Klostergut verschleudert und der Völlerei gefrönt haben. Ziel der rebellierenden Mönche war es, den missliebigen Abt, der das Kloster bereits seit 9 Jahren leitete, des Amtes zu entheben. Anselm seinerseits versuchte die beschwerdeführenden Mönche zu diskreditieren. Die Mönche zögerten, ein förmliches Anklageverfahren zu erheben. Sie hätten sich dann als Ankläger verpflichten müssen, im Falle des Scheiterns ihrer Klage, die Sanktion, die dem Angeklagten gedroht hatte, zu übernehmen. Sie versuchten deshalb auf anderen Verfahrenswegen zu ihrem Ziel zu kommen. So kam der Streit im Jahre 1199 nach Rom zu Papst Innozenz III. (1198 – 1216). Dieser Papst gilt bis heute als einer der bedeutendsten Juristenpäpste auf dem Stuhle Petri. Er führte mehrmals wöchentlich Gerichtsverhandlungen bei sich im Lateranpalast. So kam denn auch dieser Streit vor den höchsten geistlichen Richter des Abendlandes.

 

Das von ihm erlassene – und in der Quelle im Kriminalmuseum ausgestellte – Untersuchungsmandat von Innozenz III. an drei unabhängige Richter vor Ort gilt deshalb als Schlüsseldokument der Kirchenrechtsgeschichte, da es erstmals ganz klar die drei Verfahrensarten nennt, mit denen man im Mittelalter prozessieren konnte. Diese drei Prozessarten waren das Anklage-, Denunziations- und das Inquisitionsverfahren. Gerade letzteres war noch sehr jung und gerade dabei, sich herauszubilden.

 

Während das Anklageverfahren einen förmlichen Ankläger brauchte, die Parteien alle Beweise erbringen mussten und der Richter nur das Verfahren überwachte, war der Inquisitionsprozess geradezu revolutionär modern. Er wurde von Amts wegen durch den Richter geführt. Auch waren die irrationalen Beweismittel, mit denen man Gott die Wahrheitsfindung antrug, etwa Reinigungseid, Zweikampf oder Wasserproben (sog. Gottesurteile) nicht mehr zulässig. Vielmehr mussten sich die Richter nun von Amts wegen auf die Suche nach Beweisen machen; etwa Augenzeugen finden oder ein Geständnis des Verdächtigen erlangen. Damit war der Inquisitionsprozess wohl von Anfang an auch mit der Folter verbunden, die schlimmste Geißel der Rechtsgeschichte. 

Geschichte des Rechts I: Die Tat

Ob Dalton Brüder, Panzerknacker, Hotzenplotz oder Robin Hood: mal komisch, mal heroisch. Die Räuber in Film, Comic oder Buch lassen mitunter vergessen, dass es sich beim Raub, also der gewaltsamen Wegnahme einer Sache, auch heute um ein schweres Verbrechen handelt. Die Geschichte des Raubes geht weit zurück in die Geschichte der Menschheit. Bis in die Frühe Neuzeit war Gewalt ein verbreitetes und teilweise rechtlich anerkanntes Konfliktlösungsmittel. Ritterliche Fehde und Duelle von „Ehrenmännern“ legen noch heute beredtes Zeugnis in Literatur und Film davon ab. Interessanterweise wurde der Diebstahl, also die heimliche Wegnahme einer Sache (ohne Gewalt) früher viel härter bestraft als der Raub. Die brutalen Strafen in Alter Zeit am endlichen Rechtstag, dem „Theater des Schreckens“ und die oft angewandte grauenvolle Folter sollten jedoch über eines nicht hinwegtäuschen:

Bevor die Mühlen der Justiz zu mahlen begannen, musste immer etwas vorgefallen sein. Eine Tat, ein Unglück, ein schwerer Skandal. So steht auch die Tat sachlogisch am Beginn des Rundgangs durch das Kriminalmuseum, das die Geschichte des Rechts seit nunmehr über 100 Jahren in allen Facetten beleuchtet. Während manche Verbrechen, etwa Hexerei, als imaginäre Tatbestände immer Unschuldige trafen, waren Mord, Raub und Brandstiftung für unsere Vorfahren oft ganz real. Mit welch quellenmäßig belegter Brutalität beispielsweise Räuberbanden in der Frühen Neuzeit unschuldige Bauern oder Reisende heimsuchten, lässt auch dem hartgesottensten Strafrechtshistoriker manchmal das Blut in den Adern gefrieren, so Dr. Markus Hirte, der Geschäftsführer des Mittelalterlichen Kriminalmuseums. Auch waren die Aufklärungsquoten äußerst gering. Nur einer von zehn Straftätern konnte gefasst werden. Dass man da nicht gerade zimperlich mit den wenigen Tätern umging, derer man habhaft wurde, ist sogar ein Stück weit nachvollziehbar. Abschreckung schien seinerzeit der Obrigkeit das einzige Mittel, Verbrechen einzudämmen und die Bevölkerung zu schützen. Dass viele Straftäter durch die Umstände ihrer Zeit in eine kriminelle Laufbahn gedrängt wurden, steht auf einem anderen Papier geschrieben.

K.M.Ernst, Schinderhannes mit Julchen und Kind, Kupferstich, Mainz 1803, MKM 45079

 

Was für England Robin Hood, wurde für Deutschland Johannes Bückler (1779 - 1803), besser bekannt als „der Schinderhannes“. Eine der wohl bekanntesten zeitgenössischen Darstellungen von ihm, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und seinem Kind, befindet sich in den umfangreichen Beständen des Kriminalmuseums und eröffnet unsere Reihe zur kurzen Geschichte des Rechts. Der Kupferstich zeichnet ein sehr familiäres, friedliches Bild von Johannes Bückler. Doch war dem wirklich so? Wie sah sein Leben aus?

Wie seine Vorfahren ergriff auch der junge Johannes den Beruf eines Abdeckers (auch Schinder genannt), der für die Tierkadaverbeseitigung und Tierkörperverwertung zuständig war. Wie die Scharfrichter galten auch die Abdecker seinerzeit als unehrenhafter Stand und wurden von ihren Mitmenschen gemieden. Seine kriminelle Karriere begann mit 15 Jahren mit einer Unterschlagung von Geld und in der Folgezeit mit mehrfachen Vieh- und Pferdediebstählen. Er wurde mehrmals gefasst und zu Prügelstrafen und Kerker verurteilt. Über die Jahre kriminalisierte sich Bückler zunehmend. Bis zu seiner Hinrichtung admassierte sich sein Verbrechens-Konto auf über 211 Straftaten, u.a. Erpressung, Raub und Mord. Häufig ging er dabei nicht alleine vor. Die Gesamtzahl seiner Mittäter betrug 94. Da diese aber sehr häufig wechselten, kann man nicht von einer festen Räuberbande um den Schinderhannes reden.

Trotz dieses erschreckenden Verbrechenskontos galt der Schinderhannes bereits zu Lebzeiten in Teilen der Bevölkerung als Rebell gegen Fremdherrschaft und Fürstenwillkür. Dieser Legendenbildung konnte auch der Strafprozess in Mainz und die öffentliche Hinrichtung auf dem Schafott am 21. November 1803 nichts anhaben. Die Legendenbildung wurde sicherlich befördert durch die romantische Liebesgeschichte um die Herzenskönigin des Schinderhannes, Julchen Bläsius. Noch minderjährig brannte die siebzehnjährige Maid, die schon eine Karriere als Geigerin und Kassiererin bei einem Jahrmarktsänger hinter sich hatte, mit dem verruchten Räuberhauptmann durch; ein gemeinsames Kind folgte kurze Zeit später. Nach der Hinrichtung des Schinderhannes ehelichte sie allerdings einen hessischen Gendarmen mit Pensionsberechtigung. “Von der Geliebten des Räuberhauptmanns zur Ehefrau eines Polizisten – ein Abstieg, den ihr die Welt und vor allem die Unterwelt nie verzieh“, schmunzelt der Museumsleiter und rät auch heute davon ab, in die Fußstapfen der räuberischen Heroen zu treten, denn: „auch im Jahr 2020 wird der Raub bei uns als Verbrechen mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 1 Jahr (ohne Bewährung!) bestraft mit sehr hohen Aufklärungsquoten.“

05/2020: „Hund und Katz – Wolf und Spatz“

Für unsere Vorfahren waren Tiere von enormer Bedeutung. In einer Zeit, in der der Mensch so gut wie keine maschinelle Unterstützung hatte, waren Arbeits-, Transport- und Zugtiere unverzichtbar. So hatte kaum ein Beruf nicht mit Tieren zu tun. Waren und Menschen – wollten sie nicht zu Fuß gehen – wurden von an Karren und Kutschen gespannten Eseln oder Ochsen befördert. Oder von Pferden, die sich aber nicht jeder leisten konnte.

Abbildung 1: Holzschnitt zu Feldarbeit mit Tieren, in: Von Gebuere und Billichkeit, Frankfurt a.M., 1550.
©MKM

Auch als Nahrungs- und Rohstoffquelle waren Tiere überlebensnotwendig für den Menschen. Die riesige Lebensmittelvielfalt, die wir heute fast unabhängig von Wetter und Jahreszeit genießen können, gab es in Mittelalter und Früher Neuzeit noch nicht. Sofern man nicht besonders wohlhabend war, wurde eben hauptsächlich das gegessen, was auf den Feldern wuchs oder auf den Weiden stand. Tierische Produkte waren – neben dem Fleisch – zum Beispiel Kuh-/Schafmilch, Hühner-/Gänseeier oder Honig. Weggeschmissen wurde dabei kaum etwas. Gewonnene Rohstoffe wie Wolle, Horn, Haut, Fell oder Wachs wurden wenn möglich immer weiterverarbeitet. Selbst das Glied von Ochsen/Stieren fand nach der Schlachtung noch Verwendung. Es wurde gezwirbelt und getrocknet und diente dann als fester, aber biegsamer Schlagstock bei zum Beispiel Prügelstrafen.

Fluch und Segen

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier war damals ein anderes, weil auch das Zusammenleben in dieser Zeit deutlich enger war, als es heute der Fall ist. Hier reicht ein Blick auf die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Straßen: Neben den Menschen tummeln sich dort auch die Tiere. Kuh, Schwein, Huhn oder Ziege leben Seite an Seite mit den Menschen. Ställe waren in Mittelalter und Früher Neuzeit eher die Ausnahme. Die Bauern ließen ihr Vieh so lange wie möglich auf den Weiden. Das war billiger, weil sie sich so eine aufwendige Fütterung sparten. Und wenn sie ihr Vieh irgendwann doch von der Weide holen mussten, war es meist einfach im eigenen Haus untergebracht. In der kalten Jahreszeit war es sogar üblich, mit dem Vieh gemeinsam in einem Raum zu schlafen. Denn: Je mehr Lebewesen in einem Raum sind, desto wärmer ist es. Eine Heizung gab es schließlich nicht.
Einerseits waren Tiere zwar von großem Wert für das Leben und den Wohlstand der Menschen. Andererseits waren sie für ebendies auch eine große Gefahr. Es ist nicht die Rede von Raubtieren wie Wolf oder Bär, die hierzulande in Mittelalter und Früher Neuzeit weit verbreitet und freilich eine große Gefahr für den Menschen waren. Streunende Hunde, Kühe oder Schweine teilten sich nicht nur den Alltag mit den Menschen, sondern machten diesen auch deutlich gefährlicher. Den daraus entstehenden Herausforderungen stellte sich der Mensch mit dem Recht. Und so wurden Tiere immer wieder Gegenstand der Gerichtsbarkeit, wie zum Beispiel in folgendem Fall:

Tödliche Schweine

Zurück ins 15. Jahrhundert, in das Jahr 1494. Es ist Winter. Der viele Schnee und die eisige Kälte machen Mensch und Tier in einem kleinen Ort irgendwo zwischen Rothenburg ob der Tauber und Nürnberg schwer zu schaffen. Um sich nachts einigermaßen warm zu halten, beschließt die Bauernfamilie, sich den Raum – wie die Nächte vorher – mit ihren Schweinen zu teilen. Bislang lief das auch immer problemlos. Diese Nacht wird das jüngste Familienmitglied – etwa neun Monate alt – jedoch nicht überleben. Eines der Schweine erdrückt das Kind im Schlaf und frisst ihm anschließend das Gesicht ab. Klingt nach einem Trash-Horror Film? In diesem Fall war die Realität allerdings der Regisseur. In einem französischen Ort ist 1494 so etwas passiert. Das belegen überlieferte Prozessakten. Denn der Vater des Kindes hat das Schwein nicht einfach erschlagen, sondern übergab es der örtlichen Gerichtsbarkeit. Nach der Zeugenbefragung wurde das Schwein also im nahen Kloster gefangen gehalten und die Rechtsvertreter versuchten nach Recht und Vernunft zu handeln und zu urteilen. So wie sie es auch bei einem menschlichen Verbrecher getan hätten. Das Schwein erhält für die Dauer des Verfahrens – und das ist das besondere - einen menschlichen Status. Am Ende dieses Tierprozesses wurde die Todesstrafe ausgesprochen und der Scharfrichter exekutierte das Schwein am Richtplatz.

Abbildung 2: Federzeichnung mit Tötung eines Kindes durch ein Schwein, in: J.J. Wick, Nachrichtensammlung, um 1560.
©MKM

Streunende Hunde

Ein weiteres großes Problem für viele Städte waren die streunenden Hunde. Zwar waren nicht alle von ihnen wirklich herrenlos, viele Halter haben sich einfach nicht um ihr Tier gekümmert. Vor allem Metzgern wurde vorgeworfen, zu viele Hunde zu halten. Die zum Treiben des Schlachtviehs und mit Schlachtabfällen gefütterten „Bullenbeißer“ (doggenartige Hunde) waren besonders aggressiv und bissig. Sehr zum Leidwesen einiger Menschen. Es kam zu vielen Unfällen, wobei oft nicht mal ein Hundehalter ermittelt werden konnte. Als erste Maßnahme um die Straßen sicherer zu machen, wurden vielerorts Hundeschläger (meist der örtliche Scharfrichter) beauftragt, die mit Keulen oder Steinen alle streunenden und nicht gekennzeichneten Hunde erschlagen sollten. Bezahlt wurden die Hundeschläger übrigens pro erschlagenen Hund. Außerdem gab es mit der Zeit immer mehr Verordnungen zu angemessener Hundehaltung. Beispielsweise durften mancherorts Metzger nicht mehr als zwei Hunde halten und es wurden bissige Hunde auf öffentlichen Straßen und in öffentlichen Einrichtungen verboten.
Das enge Zusammenleben von Mensch und Tier wurde – gerade aus Hygienegründen – seit dem 16. Jahrhundert von der Obrigkeit immer weniger geduldet. Es entwickelten sich Verordnungen und Dekrete, die die als störend empfundenen Tiere nach und nach aus dem menschlichen Alltag verdrängten.

Klägliche Versuche

Ernte- und Vorratsschädlinge waren eine beständige Last und Bedrohung für die Menschen. Heuschreckeneinfälle oder Schneckenplagen führten schnell zu Missernten, Hunger und Not. Die Menschen in vormoderner Zeit hatten kaum eine Chance, großen Schädlingsbefall ernsthaft zu bekämpfen. Im Mittelalter wurden Ungezieferplagen und Naturkatastrophen als Strafe Gottes gesehen, worauf unsere Vorfahren mit Gottesdiensten, Buß- und Bittgängen reagierten. Die großen Heuschreckenplagen ab 1338 beispielsweise galten als Vorboten des Jüngsten Gerichts. Ein amtliches Verbot für öffentliche Tänze, Würfel- und Kartenspiel sollte gegen die Plagen helfen. Durch einen „besseren“ Lebensstil erhofften sich die Menschen die Gnade Gottes. Oder sie versuchten die noch jungen, nicht flugfähigen Heuschrecken mit Feuer und Knüppelschlägen – wie beispielsweise in Kärnten - zu bekämpfen.
In manchen europäischen Regionen wollten die Menschen die Schädlinge sogar gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. Heuschrecken, Schnecken, Mäuse und Co wurden als Rechtsbrecher angesehen, die deswegen mit einem Prozess rechnen mussten. Aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit sind viele dieser Prozesse überliefert. Die regelmäßig vor geistlichen Gerichten geführten Verfahren endeten typischerweise mit der Verbannung und/oder der Verfluchung des angeklagten Schädlings.

Abbildung 3: Holzschnitt zu Wanderheuschrecken, in: H. Schedel, Liber Chronicarum, Nürnberg, 1493.
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Zumindest eingermaßen gewappnet waren die Menschen für einzelne Mäuse in Haus, Stall oder Scheune. Dafür wurden Katzen eingesetzt. Bei massenweisem Auftreten von Nagetier im Garten oder auf den Feldern waren aber auch die Katzen chancenlos. Hier versuchten unsere Vorfahren durch mühseliges Einfangen der Schädlinge, Aufstellen von Fallen oder das – für Tier und Mensch gefährliche – Auslegen von Giftködern, dem Befall entgegenzuwirken
Ab dem 16. Jahrhundert tauchen in den Rechtsquellen neue Berufszweige zur Schädlingsbekämpfung auf. Die Rede ist unter anderem von Otterjägern, Raben- und Spatzenschützen, die gezielt zur Bekämpfung der jeweils schädlichen Tiere eingesetzt wurden.
Im Verlauf der Frühen Neuzeit entdeckten die Menschen dann eine weitere Ursache für die Schädlinge: Die Hexerei. Im 17. Jahrhundert – Höhepunkt der Hexenverfolgung in Deutschland – kam es vermehrt zu Hexenprozessen, in denen den Angeklagten vorgeworfen wurde, Ungeziefer herbeigezaubert zu haben.

Abbildung 4: Nachkolorierter Holzschnitt zu den Hexeneigenschaften und -tieren, in: Neuer Laienspiegel, Augsburg, 1511.
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Sonderausstellung im Kriminalmuseum

In der Zeit reisen und hautnah miterleben, wie Mensch und Tier in alter Zeit ihren oft harten und beschwerlichen Alltag gemeistert haben, bleibt vorerst nur ein Wunsch. Wer aber nicht so lange warten kann, bis dies vielleicht doch irgendwann möglich ist, kann das Mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber besuchen. Mit der Jübiläums-Sonderausstellung 2020 präsentiert das Kriminalmuseum – zusätzlich zur Präsenzausstellung - seinen Gästen einen tiefen Einblick in das Verhältnis von Mensch und Tier im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. „Hund und Katz – Wolf und Spatz: Tiere in der Rechtsgeschichte“ entführt seine Besucher in eine fremde Zeit der Tierprozesse und Tierstrafen. Spannende Mordprozesse mit Wölfen und Schweinen als Angeklagte, exkommunizierte Delfine und verfluchte Heuschrecken. Eine Zeit, in der die Obrigkeit ein Kopfgeld auf Spatzen und Mäuse ausgesetzt hat. In der Tiere nicht nur selbst hingerichtet wurden, sondern auch Beiwerk grausamer Todesstrafen wie dem Hängen mit Hunden, dem Säcken und dem Vierteilen waren. Für alle, die es weniger grausam mögen, gibt es vom außerdem Exkurse zum Nutztier und zu Hexen-, Fabel- und Wappentieren zu sehen.
Die Ausstellung „Hund und Katz – Wolf und Spatz: Tiere in der Rechtsgeschichte“ können Sie vom 3. Mai bis einschließlich 31. Dezember 2020 täglich von 13 Uhr bis 18 Uhr im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber besuchen.
(Markus Hirte/Tim Weißmann)

Abbildung 5: Collage Tiere in der Rechtsgeschichte.
©MKM

07/2016: Trauer, Entsetzen und Jubel in Rom und Rothenburg

Ein heißer Sommertag in der Ewigen Stadt, dem Haupt bzw. Nabel der Welt (caput mundi) vor 800 Jahren. Der Stadt und dem Erdkreis (urbi et orbi) stockt der Atem. Das geistliche Oberhaupt der Christenheit, der Papst (Pontifex) Innozenz III., verstarb am 16. Juli 1216 im Alter von nur 56 Jahren in Perugia.

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Der Leichnam von Innozenz III. (1198-1216) wird in der Kathedrale von Perugia aufgebahrt. Doch in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1216 rauben Unbekannte dem Aufgebahrten die kostbaren Totengewänder. Sie ließen den Leichnam fast nackt in der schon süßlich nach Verwesung riechenden Kirche zurück. „Wie kurz und eitel ist die trügerische Herrlichkeit dieser Welt?“ (quam brevis sit et vana huius seculi fallax gloria) fragt der Augenzeuge Bischof Jacques de Vitry seinerzeit.

Doch war es wirklich Raub, gar Leichenschändung? Fühlten sich die „Entwender“ möglicherweise gar im Recht? Schließlich war allgemein anerkannt, dass Kirchenmänner nicht heiraten und ebenso wenig etwas vererben dürfen. Das sogenannte Spolienrecht (ius spolii) gab dem kirchlichen Oberen deshalb das Recht, den beweglichen Nachlass eines verstorbenen Klerikers einzuziehen. Doch gehörten auch die Totengewänder dazu und hätten sie nicht der päpstlichen Schatzkammer zufallen müssen?

Dass gerade der bedeutendste Juristenpapst des Mittelalters, Papst Innozenz III. (1198-1216) kurz nach seinem Ableben Opfer einer „Straftat“ oder zumindest einer missbräuchlichen Interpretation des Sponsalienrechts wird, scheint eine dunkle Ironie der Geschichte.

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Bereits am Todestag Papst Coelestins III. (8. Januar 1198) wählte das Konklave (cum clave mit dem Schlüssel = abgeschlossener Raum, in dem der Papst von den Kardinälen gewählt wird) den noch nicht einmal 40 Jahre alten Lothar von Segni zum Papst. Er war noch so jung, dass er nicht einmal die für eine Papstwahl erforderliche Priesterweihe erhalten hatte, was man kurz darauf nachholte. Walther von der Vogelweide spöttelte gar über das junge Alter des neuen Papstes (Owê, der bâbest ist ze junc. Hilf, hêrre, dîner cristenheit).

Als Papst Innozenz III. machte sich der junge Kirchenrechtler daran, die Missstände in seiner Kirche entschieden zu bekämpfen. Pflichtvergessene Kleriker wurden diszipliniert; Völlerei, Ämterkauf, Korruption u.v.m. streng geahndet. Der Klerus sollte wieder ein Vorbild für den einfachen Gläubigen sein! Dies war dringend nötig. Seit Jahren liefen der römischen Kirche die Gläubigen fort. Nur allzu oft wurde in den Kirchen und Klöstern „Wasser gepredigt und Wein getrunken“. Alternative Glaubensgemeinschaften wie etwa Katharer (von griechisch καθαρός, katharós „rein“, daraus abgeleitet „Ketzer“) oder Waldenser, avancierten mit ihren Lehren (Häresien) zu einem Sammelbecken für unzufriedene Gläubige. Um gegen Kleriker besser gerichtlich vorgehen zu können, entwickelte der Jurist Innozenz III. das Inquisitionsverfahren weiter. Mehrmals die Woche leitete er selbst Gerichtverhandlungen in Rom und sorgte dafür, dass seine Urteile und Entscheidungen im ganzen Abendland verbreitet wurden.

Doch beließ es Innozenz III. nicht dabei, den Ketzerbewegungen durch Klerusdisziplinierung den Nährboden zu entziehen. Er ordnete die Häresie als Kapitalverbrechen ein und ging entschieden gegen die Ketzer vor. Ein blutiger Ketzerkreuzzug wütete ab 1209 in Südfrankreich und kostete viele Menschen das Leben. Auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215 wurden unter seinem Pontifikat erneut alle Ketzer exkommuniziert. Doch wer war nun genau ein Ketzer? Für den einfachen Bischof oder Priester war es im Hochmittelalter alles andere als einfach, das zu erkennen! Könntet Ihr es? Ein paar Beispiele:

War derjenige ein gläubiger Katholik, der glaubte:

- nur durch sexuelle Enthaltsamkeit den Weg zum Heil zu finden?

- beim Abendmahl verwandele sich das gereichte Brot und Wein tatsächlich und real in Leib und Blut Jesu Christi (transsubstantiatio = Wesensverwandlung)?

- nur bei Gott im Himmel sei das Gute zu finden; die irdische Welt sei grundsätzlich schlecht?

- dass die Dämonen zunächst gut erschaffen wurden, später aus sich selbst heraus böse wurden?

(die Auflösung findet ihr am Ende des Blogs!)

Um den Priestern eine Handreichung zu geben, formulierte man auf dem 4. Laterankonzil das Glaubensbekenntnis weiter aus (Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen …). Wer damit nicht einig ging, geriet in den Dunstkreis der Häresie, ob nun in Rom, Südfrankreich oder Rothenburg ob der Tauber. Auch die von Innozenz III. initiierten Reformen, seine Urteile und Anweisungen beeinflussten die Bewohner des fränkischen Jerusalems. So überwölbte das Kirchenrecht die mittelalterliche Welt wie eine Glaskuppel, unter der auch die Rothenburger des 13. Jahrhunderts lebten und starben.

Zwar dürfte der Kleiderraub in der Kathedrale von Perugia vor fast genau 800 Jahren nicht bereits am nächsten Morgen Stadtgespräch in Rothenburg gewesen sein, so viele Jahre vor Erfindung des Buchdrucks, der Zeitungen, n-tv-Newsticker und Twitter-Dienst. Doch wird auch in Rothenburg der Jubel umso größer gewesen sein, als keine zwei Tage nach dem Tod Innozenz III. mit Honorius III. ein neuer Papst der Christenheit vorstand und der Stuhl (sedes) Petri damit nur für kurze Zeit vakant blieb (Sedisvakanz).

 

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

 

 

Antwort auf die Fragen:

nein, ja, nein, ja

 

10/2014: Rothenburgs rätselhafte Jungfrau

„Es war im Jahr 1883 …

„… Meine Frau Emilia und ich hatten uns vorgenommen, uns mit der Hochzeitsreise den Traum eines jeden Engländers zu erfüllen. Wir wollten das romantische Deutschland bereisen und gedachten nun, dem idyllischen hessischen Städtchen Frankfurt am Main einen Besuch abzustatten ...“

Romantische Flitterwochen gönnt der Autor Bram Stoker in seiner Kurzgeschichte „The Squaw“ dem frisch gebackenen Ehepaar George und Emilia Price aus Wales jedoch nicht. Bereits auf der nächsten Station ihrer Hochzeitsreise, Nürnberg, überschlagen sich die Ereignisse. Die Besichtigung der Nürnberger Kaiserburg und der dortigen Folterkeller-Ausstellung mündet in einem grauenvoll-blutigen Fiasko. In dessen Zentrum: eine Eiserne Jungfrau!

Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Wenige Rechtsaltertümer bewegen die Phantasie der Menschen bis heute so wie die eiserne Jungfrau. An der Innenseite mit vielen Spitzen versehen, soll sie im finsteren Mittelalter ihre grauenvolle Wirkung beim Schließen des hölzern/metallenen Mantels entfaltet haben. Mit dem Ende des 18. Jhs. mehren sich Berichte über die Eiserne Jungfrau. Literatur und Zeitungen nehmen sich ihrer an. Museen zeigen erst kürzlich wiederentdeckte Eiserne Jungfrauen in großen Ausstellungen. Eine Legende entsteht…

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. – im Hintergrund eine Eiserne Jungfrau

Doch waren unsere Vorfahren im Mittelalter und der frühen Neuzeit tatsächlich so grausam? Haben Sie wirklich eine solch perfide Folter- und Hinrichtungsmaschine ersonnen? Eine große Holzfigur, die Angeklagte oder zum Tode verurteilte in sich aufnahm und beim Schließen der Türen mit metallenen Dornen durchbohrte? Was meinen Sie?

Vier metallene Spitzen, die ursprünglich an der Innenseite der Eisernen Jungfrau angebracht waren

Lassen Sie uns einen Blick in die Geschichte werfen. Wäre die Eiserne Jungfrau ein Folterinstrument gewesen, müsste es dafür schriftliche Belege geben. Die Folter war seinerzeit ein „Beweisgewinnungsverfahren“ mit dem Ziel eines Geständnisses. Von Gesetzes wegen musste jede Tortur protokolliert werden. Und so finden wir in Archiven unzählige überlieferte Folterprotokolle … allerdings … bislang noch kein einziges, das eine Tortur mit der Eisernen Jungfrau belegt.

Schriftliches Folterprotokoll, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

War die Eiserne Jungfrau dann doch eher ein Hinrichtungsgegenstand? Das Strafrecht der frühen Neuzeit sah ja einen ganzen Kanon äußerst grausamer und schmerzhafter Hinrichtungsarten vor. Allerdings müsste es auch dafür schriftliche Belege geben, etwa ein Todesurteil. Darüber hinaus wurden besonders grausame Vollstreckungen seinerzeit oft in Bildern und Flugschriften abgebildet. Gleichwohl ist bislang weder eine Todesurteil noch eine zeitgenössische bildliche Darstellung ausfindig gemacht worden.

Todesurteil mit gebrochenem Stab, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

So lässt sich eine Klärung wohl nur herbeiführen über das Exponat selbst. Wo kam es ursprünglich her? Wie alt ist es? Finden sich Anzeichen für eine entsprechende Verwendung? Die Geschichte der Eisernen Jungfrau von Nürnberg lässt sich bis in die Mitte des 19. Jh. nach Nürnberg zurückverfolgen. Dort taucht sie erstmals auf als Hauptexponat einer großen Folterausstellung. Ihre Geschichte davor liegt im Dunkel.

Das Kriminalmuseum hatte kurz nach dem Erwerb der eisernen Jungfrau diese untersuchen lassen und erstaunliches aufgedeckt. Danach ist der Mantel auf das 15./16. Jh. zu datieren (vermutlich aus Böhmen) und wurde als Ehrenstrafvollzugsgerät verwendet, als Schandmantel. Die metallenen Dornen hingegen waren nachträglich angebrachte französische Tüllenbajonette aus den Befreiungskriegen (1813-1815). So spricht derzeit alles dafür, dass die Eiserne Jungfrau von Nürnberg gar kein Folter- oder Hinrichtungsgegenstand war, sondern „nur“ ein Schandmantel, jedoch ohne metallene Spitzen.

Tragbarer Schandmantel in Form einer Trinkertonne, Abbildung aus dem 19. Jh.

Anlässlich des Rothenburger Märchenzaubers 2014 widmet sich das Kriminalmuseum der weltbekannten Jungfrau mit einem neugestalteten Teilbereich seiner Präsenzausstellung. Neben der tatsächlichen Geschichte beleuchten wir auch den „Mythos Eiserne Jungfrau“ und zeigen beispielsweise interessante Merchandising-Artikel des 19. und frühen 20. Jhs. wie Klapppostkarten oder Stifthalter in Form der Eisernen Jungfrau. Zwei bedruckte Großwände vermitteln einen Eindruck des früheren Standorts des Exponats – die Nürnberger Folterkammer-Ausstellung. Parallel dazu können Sie über eine aufwendige Audioinstallation mit parametrischem Ultraschall-Lautsprecher einem Hörspiel-Ausschnitt aus Bram Stokers Bestseller zur „Iron Maiden“ lauschen. Für ausländische Gäste halten QR-Codes die Kurzgeschichte auf Englisch vor.

Der Ausstellungsbereich zur Eisernen Jungfrau im Kriminalmuseum:

Eine Neuauflage des vom Gruselfaktor getragenen Hypes vergangener Jahrhunderte planen wir nicht. Vielmehr liegt der Fokus auf der nicht weniger spannenden historischen Realität des Exponats. So sind längst noch nicht alle Rätsel um die Eiserne Jungfrau gelöst. Seit 1965 etwa fehlt jede Spur der Schwester der Eisernen Jungfrau von Nürnberg, der Feistritzer Jungfrau. Diese Fährte wieder aufzunehmen, dürfte einiges detektivischen Spürsinns bedürfen und vielleicht noch manche Überraschung bergen.

06/2014: SHAME ON YOU!

(oder … was haben eine Facebook-Party und frühneuzeitliche Ehrenstrafen gemeinsam?)

Thomas F. staunte nicht schlecht, als er mit seiner Frau von einem Kurzurlaub zurück kam und ihre 16-jährige Tochter zerknirscht die Tür öffnete. Was war passiert? Waren trotz „sturmfrei“ nur wenige Freunde zur Geburtstagsparty des Sprößlings gekommen?

Beim Betreten des Wohnzimmers verschlug es den Eltern die Sprache. Zwar hatte die Tochter versucht, das Gröbste zu beseitigen. Doch die Kratzer auf Möbeln und Parkett, die Wein-, Bier und Cola-Flecken auf Boden und Wänden sowie zwei zerbrochene Glasscheiben zeugten noch vom gestrigen „rauschenden Fest. Besonders bitter traf den Vater jedoch die Plünderung des sorgsam gehüteten und über Jahre aufgebauten erlesenen Weinkellers.

 

 

 

 

 

 

 

Wie konnte es dazu kommen? Nun; die von der Tochter auf Facebook angekündigte Party war auf weit mehr Interesse gestoßen als vermutet. Viele Freunde brachten noch Bekannte mit, die die junge Gastgeberin kaum oder gar nicht kannte. Mit steigendem Alkoholpegel liefen einige der „Bekannten der Bekannten“ zu Höchstform auf und entdeckten in sich den Kurt Cobain oder James Hetfield. Zwar wurde die Wohnung nicht so zerlegt wie im Metallica-Videoclip zu „Whiskey in the Jar“. Doch aus dem Ruder lief die Party dennoch und war weder durch verzweifeltes Bitten einzufangen noch durch Rügen wie „Schämt Euch was".

 

Shame-Shirt des Kriminalmuseums, Collection 2014

 

Sanktion durch Scham und Tragik der Allmende

Wäre die Geburtstagsparty in geordneteren Bahnen verlaufen, wenn nur gute Freunde gekommen wären? Wieso plündert man nicht den Weinkeller eines guten Bekannten oder Nachbarn, dessen Hausschlüssel man für den Notfall bekommen hat? Das Stichwort heißt hier Sanktion durch Scham. Mein Ruf wäre unter Freunden oder den Nachbarn ruiniert. Ich könnte mir neue Freunde suchen oder hätte einen schweren Stand in meiner Straße.

In einer anonymen Gesellschaft, in der mich keiner kennt, funktioniert dies kaum noch. Hier kann ich auf meinen alleinigen Vorteil bedacht sein oder andere ausnutzen. Es kann mit egal sein, was „Hunz oder Kunz“ von mir halten. Im erweiterten Kontext und vor allem mit Bezug auf knappe Ressourcen kennt man dieses Phänomen auch alsTragik der Allmende. Wir alle wissen, dass die Menschheit derzeit zu viele Ressourcen der Erde verbrauchen. Aber oft ist es günstiger oder vorteilhafter, so fortzufahren und überhaupt … die anderen machen es ja auch so. Überall dort, wo der Nutzen beim Einzelnen anfällt, die Kosten oder der Schaden jedoch bei der Allgemeinheit (d.h. einer unüberschaubaren Gruppe), stoßen wir auf die Allmende-Tragik. In kleineren Gruppen hingegen kann die Sanktion durch Scham gegensteuern.

Ehrenstrafen

Dies erklärt auch, weshalb im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit Ehrenstrafen so wirkungsvolle und weit verbreitete Sanktionen waren. Die Gesellschaften waren vergleichsweise klein, selbst so bedeutende Reichsstädte wie Rothenburg ob der Tauber hatten weit weniger als 10.000 Einwohner. Man kannte sich und war – mangels anonymer sozialer Sicherungssysteme – aufeinander angewiesen. Wurde man von seinen Mitmenschen gemieden und war der Ruf ruiniert … dann lebte es sich nicht etwa ungeniert. Vielmehr konnte ein ruinierte Ruf schnell den wirtschaftlichen und sozialen Ruin nach sich ziehen. Der Handwerker bekam keine Aufträge mehr, dem Wirt blieben die Gäste aus. Nicht selten war es dann besser, für eine Zeitlang sein Glück in der Ferne zu suchen, oder mit einer Charmeoffensive die Gunst seiner Mitbürger zurückzugewinnen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die vielen, heute noch erhaltenen Ehrenstrafvollzugsgeräte, wie sie etwa im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T. zu finden sind, nicht mehr nur schlicht „skurril“ oder „albern“.

 

Schandmaske (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Ihnen kam eine gewichtige Bedeutung im Rechtsleben der Menschen zu. Dabei dienten die vielen bizarren Überzeichnungen in den Masken, etwa überdimensionale Zungen, Ohren, Augen, Schweinerüssel oder Hahnenkämme neben der puren Belustigung auch der Überhöhung und Darstellung der Übertretung, ob derer eine Person zum Tragen der Maske verurteilt wurde: etwa übles Nachreden (Zunge), Verletzung der Privatsphäre anderer (Ohren, Nase), unmoralischer oder unhygienischer Lebenswandel (Schweinerüssel) oder Übertretung der Kleiderordnung (Hahnenkamm). Darüber hinaus kamen Trinkertonnen für notorische Wirtshaushocker ebenso zum Einsatz wie Halsgeigen für Frauen oder Doppelhalsgeigen für streitende Ehepaare. Für die Obrigkeiten waren die Ehrenstrafen attraktiv, da die Strafe letztlich durch die Gemeinschaft – durch alle Mitbürger – vollzogen wurde und sich so kaum der Volkszorn gegen den Stadt-, oder Landesherren wenden konnte, wie etwa gelegentlich bei der Vollstreckung von Leibes- oder Lebensstrafen.

 

Abbildung zu Ehrenstrafen aus einer Wochenschrift des 19.Jh. (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

So schlimm das Tragen einer Schandmaske oder Trinkertonne für die Verurteilten auch war. Die Ehrbeeinträchtigung war nur zeitweiliger Natur. Irgendwann übertrieb es ein anderer mit dem Lästern oder Zechen. Dann wurde der Nächste „auf der Sau durchs Dorf getrieben“ und die Untaten früherer Übeltäter gerieten langsam in Vergessenheit.

04/2014: Des Reiches Krone – groß wie ein Kochtopf

Seit Jahrhunderten gastieren bedeutende Menschen in Rothenburg ob der Tauber, darunter Kaiser, Könige und Fürsten. Auch in der Gegenwart ist das „fränkische Jerusalem“ Ziel hochrangiger Diplomaten und Politiker. Heute erkenne ich die Ankunft solcher Prominenz am Ehesten an schwarzen Edellimousinen; die Person selbst - wenn das Gesicht nicht zu sehen ist - meist nur am klassischen Anzug. Besondere Zeichen ihrer Stellung tragen sie kaum.

Da hatten es unsere Vorfahren leichter. Einen mittelalterlichen Regenten etwa erkannte man an der Krone auf seinem vornehmsten Körperteil - dem Kopf - und einer Vielzahl weiterer Herrschaftssymbole. Diese Symbole wirkten zeichenhaft und übernahmen im von Mündlichkeit geprägten Mittelalter die Aufgaben von Schrift und Dokument. Zeitungen, Fernsehen und Internet gab es ja noch nicht. Da eine Krone „Herrschaft“ symbolisieren sollte, hatte jeder Herrscher mindestens eine solche; die Zahl der in Europa im Umlauf befindlichen Kronen war folglich groß. Die Reichskrone war insoweit zunächst nur eine Krone unter vielen.

Replik der Reichskrone (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Gleichwohl war sie als Reichsinsignie höchst gewichtig und überdies von der Gestalt her einzigartig. Im Gegensatz zu den vielen runden Kronen hat sie eine achteckige Form. Sie besticht durch ein auf der Stirnplatte aufgestecktes großes Stirnkreuz sowie einen aufgesetzten hochkantigen Bügel mit einer aus winzigen Perlen gebildeten lateinischen Inschrift. Bemerkenswert sind auch die vielen Edelsteine auf Stirn-, Nacken- und Schläfenplatte sowie die kunstvoll gestalteten vier Emailplatten mit biblischen Szenen. Der Durchmesser der Krone beträgt stolze 22,5 cm, was bereits Zeitgenossen von Kaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert zu dem gewagten Vergleich verleitete, sie sei „groß wie ein Kochtopf“. Nicht nur Form und Größe der Reichskrone, auch die  Bedeutung der verwendeten Materialien sowie Ikonographie und Symbolik sind Gegenstand umfangreicher wissenschaftlicher Literatur und füllen mittlerweile ganze Bücherregale.

Pentakrator-Platte mit bildlicher Darstellung von Jesus und zwei Seraphim (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.
Ottos Krone?

Ottos Krone?

Die Reichskrone wechselte mit jedem Regenten. Wer sie trug oder besaß, galt als Herrscher über das Reich. Doch wer gab sie in Auftrag? War es Karl der Große (747 – 814 n.Chr.) höchst selbst oder einer seiner Nachfolger, vielleicht Konrad II. (990 – 1039 n.Chr.), dessen Name auf dem perlenverzierten Kronenbügel zu lesen ist?

Die Antwort ist weniger leicht als gedacht. Schriftliche Quellen zur Reichskrone tauchen nämlich erstmals im 12. Jahrhundert auf und Abbildungen sogar erst gegen Ende des Mittelalters. Auch der Kronenbügel allein hilft leider nicht weiter, da er abnehmbar ist und auch später gefertigt sein könnte. Nun kann man zwar versuchen, sich über Form, Material, Fertigungstechnik, Symbolik und Ikonographie der Herstellungszeit zu nähern, vor allem über einen Vergleich mit anderen Kunstwerken der unterschiedlichen Epochen. Allerdings ist die Reichskrone kein Altarkreuz unter vielen, sondern ein schon von der Art der Verwendung angelegtes Unikat, so dass Vergleiche per se schwierig sind. Und die Tatsache, dass ein bestimmter Buchstabe oder eine Fertigungstechnik in einer Zeit nicht mehr oder noch nicht verwendet wurde, schließt nicht aus, dass sich ein progressiver oder traditioneller Goldschmied über die zeitgenössische Praxis hinwegsetzte. So gilt es zwar als unwahrscheinlich, dass bereits Karl der Große die oktagonale Bügelkrone trug, wie auf dem weltbekannten Portrait von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1513 n.Chr. Doch ist umstritten, ob sie um 960 n.Chr. für Otto I. gefertigt wurde, oder erst für Konrad II. (um 1024 n.Chr.) oder gar noch später.    

Kronen auf Reisen

Im Gegensatz zu England oder Frankreich gab es im Heiligen römischen Reich deutscher Nation keine feste Residenz- oder Hauptstadt für Kaiser und Hof. Vielmehr reisten die mittelalterlichen Herrscher durch das Reich von Pfalz zu Pfalz, Burg und Stadt und oft mit großem Tross und den Insignien im Gepäck. Die Krone kam also weit herum.

Aufbewahrungsorte der Reichskrone (c) Nina Schücker

Erst ab 1424 verblieben Krone, Reichsapfel, Reichszepter und Heilige Lanze „zur ewigen Verwahrung“ in Nürnberg und ab 1800 mit wenigen kürzeren Ausnahmen in Wien, wo man die Originale heute noch bewundern kann. Neben den Wiener Originalen gibt es in Deutschland einige wenige originalgetreue Nachbildungen der Insignien, etwa im Kriminalmuseum in Rothenburg. Derzeit treten die Rothenburger Insignienrepliken in die Fußstapfen der Originale und sind auf Reisen.

Link zu einem YouTube-Video: The Imperial Crown (Rothenburg)

 

Als Hauptexponate einer großen Ausstellung in Belgien zum Erbe Karls des Großen werden sie dort bis zum Herbst den Besuchern einen Einblick in die Herrschaftssymbolik im Heiligen römischen Reich geben und vielleicht auch den einen oder anderen reisefreudigen Gast zu einem späteren Besuch im schönen Rothenburg ob der Tauber animieren. 

Ausstellungsprospekt Vorderseite

Ausstellungsprospekt Rückseite

02/2014: Ist‘s rechte Liebe mit Vertrag?

„Wenn rechte Liebe ist, da spricht sie: ich frage nicht was du hast oder wie Du bist, denn ich will dich!“ Karten mit diesem Aphorismus des großen Reformators Martin Luther oder anderen Liebessprüchen haben am nahenden Valentinstag traditionell Hochkonjunktur wie auch Candle-Light-Dinner oder romantische Kurzurlaube; vielleicht sogar ins mittelalterliche Rothenburg zur Romanze an Valentin? Ich wage gar die Prognose, dass der eine oder andere Heiratsantrag auf den Valentinstag fallen wird.

Romanze an Valentin, ©Respondek

 

Hand aufs Herz … für wen war oder wäre die von Luther beschriebene rechte Liebe nicht DER Grund für eine Verlobung oder Ehe? In der Geschichte stand die Liebe nicht immer im Vordergrund. So entschieden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit oft viel pragmatischere Beweggründe die - obendrein meist von den  Eltern für ihre Zöglinge vorgenommenen - Partnerwahl, nämlich wirtschaftliche, ständische oder ggf. auch politische. Und wo es um so gänzlich unromantische Aspekte ging, war auch das Recht nie fern. So wundert es nicht, dass das Recht der Verlobung und Ehe sehr alt ist. Bereits das älteste überlieferte Gesetzeswerk - der Kodex Hammurabi (ca. 1800 v.Chr.) - enthielt Regelungen zur Ehe.      

Verlobung und Ehe heute und gestern

„Drum prüfe wer sich ewig bindet, dass sich zuvor nichts bessres findet.“ raunte mir einmal ein etwas frustrierter Freund während eines Kneipenabends zu. Er hatte gerade Kunde von der anderweitigen Verlobung seiner Traumfrau vernommen. Ein paar Bier später nahm die Hoffnung wieder zu. Es wurden die gängigen Verschwörungstheorien zitiert, wonach Verlobung und Valentinstag nichts weiter seien als ein verkappter Großangriff von Fleurop, Swarovski, Rosamunde Pilcher & Co. auf die Geldbörsen der Verliebten. Schließlich verstieg er sich in die humoristische Lebensweisheit: „Verlobung … das bedeutet doch eh nur Sicherstellen und Weitersuchen“.

Bei allem Schmunzeln liegen die beiden zitierten Sätze jedoch in einem Punkt recht nahe bei der Wahrheit. Das Verlöbnis ist heute rechtlich weitgehend unverbindlich, wenn wir einmal absehen von den filmreifen Szenen einer „Braut, die sich nicht traut“. Hier könnte der überraschend am Altar Verlassene seine Kosten für die Hochzeitstorte usw. ersetzt verlangen (wenn ihm  danach sein sollte …).

In der Vergangenheit war das Verlöbnis deutlich verbindlicher. Bei den frühen Römern zum Beispiel war eine Verlobung ein Vertrag, auf dessen Grundlage man eine Eheschließung einklagen konnte und ein schriftlicher Ehevertrag zwischen - vor allem wohlhabenden - Ehegatten an der Tagesordnung. Zum Ausgang der römischen Republik verlor die Verlobung einiges an rechtlicher Verbindlichkeit und im frühen Mittelalter dürfte ein schriftlicher Ehevertrag eher selten gewesen sein. Im kirchlichen Recht des Mittelalters hingegen konnte man sich wieder mehr auf eine Verlobung verlassen und eine anschließende Hochzeit notfalls einklagen. Seit dem hohen und späten Mittelalter nahm auch der Abschluss von Eheverträgen wieder zu, besonders bei wirtschaftlich bessergestellten Partnern.

Ehevertrag von 1551, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

Die ehemalige freie Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber nimmt da keine Sonderrolle ein. Dies zeigen überlieferte Eheverträge, etwa der im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg  ausgestellte Ehevertrag vom 1. Oktober 1750 zwischen Gustav David Bezold und Catharina Sabina Pürckhauer (vgl. Bild unten). Beide Ehepartner entstammen alten Rothenburger Patrizierfamilien, die in der Stadtgeschichte eine bedeutende Rolle spielten. Die Urkunde ist mit acht Siegeln und Unterschriften versehen, und zwar des Brautpaares, der Trauzeugen und Verwandten. Solche Eheverträge regelten die güterrechtlichen Verhältnisse der zukünftigen Ehepartner, etwa das Heiratsgut (Mitgift) und die Verwendung der Erträgnisse daraus, das Taschengeld für die Frau etc.

Ehevertrag Bezold/Pürckhauer (1750), ausgestellt im Kriminalmuseum

Entgegen deren heute landläufig eher schlechten Leumunds waren Eheverträge seinerzeit wenig anrüchig und dürften deshalb kaum ein Indiz gewesen sein gegen die von Luther zitierte „rechte Liebe“. 

Kurioses zur Verlobung aus den 1990ern

Wer sich nach diesem kurzen Abstecher in die Geschichte nun beglückwünscht zu seiner späten Geburt, dem möchte ich ein amüsantes Kuriosum mit auf den Weg geben, welches zeigt, dass sich das Recht zwar dem Zeitgeist anpasst, wenn auch nicht immer mit der angezeigten Geschwindigkeit.

Bis 1998 sah unser bürgerliches Gesetzbuch (BGB) einen § 1300 vor, der das sogenannte Kranzgeld regelte. Danach konnte eine Frau von ihrem ehemaligen Verlobten eine finanzielle Entschädigung einfordern, wenn sie ihm auf Grund eines Eheversprechens die Beiwohnung gestattete (also ihre Jungfräulichkeit verlor), und er anschließend das Verlöbnis löste. Da ist es doch ein Lichtblick, dass das Recht den Gerichten Möglichkeiten an die Hand gibt, Norm und Realität unter einen Hut zu bringen; im vorliegenden Fall die Nichtanwendung dieser Norm als verfassungswidrig aufgrund der gewandelten Moralvorstellungen.

 

12/2013: Die Heilige Lanze im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber

Was haben die Beschreibung der Kreuzigung Jesu im Johannesevangelium (Joh. 19,34), die Schlacht auf dem Lechfeld (955 n.Chr.), Richard Wagners Parsifal und der Hollywoodfilm „Constantine“ (Keanu Reeves/Rachel Weisz, 2005) mit der Stadt Rothenburg ob der Tauber und dem dortigen Mittelalterlichen Kriminalmuseum gemeinsam? Nun …. in allen spielt ein geheimnisvolles Relikt eine Rolle, die sogenannte Heilige Lanze.

Die Lanze

Replik der Heiligen Lanze im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

 

Das Mittelalterliche Kriminalmuseum im romantischen Rothenburg

Als ich 1990 das erste Mal das romantische Rothenburg besuchte, durfte ein Besuch des bekannten Mittelalterlichen Kriminalmuseums nicht fehlen. Im Museum staunte ich nicht schlecht. Erwartet hatte ich einige Foltergeräte, Daumenschrauben und Richtschwerter, wie in den vielen Foltermuseen und Gruselkabinetten, die sich der mittelalterlichen Strafrechtspflege anzunehmen versuchen. Während meines mehrstündigen Rundganges entdeckte ich im Kriminalmuseum jedoch weit mehr. Kupferstiche von Hans Baldung Grien und Albrecht Dürer, wertvolle Gesetzesbücher und Urkunden und … am Ende des Rundganges, gar originalgetreue Repliken der Reichsinsignien, die heute im Original in der Wiener Hofburg aufbewahrt werden.

Repliken der Reichsinsignien im Mittelalterlichen Kriminalmuseum; Photo: Sabine Ketzler

Ich bestaunte die kunstvollen Goldschmiedearbeiten und sinnierte einen Moment … warum stellt ein Kriminalmuseum Kopien der Reichsinsignien aus? Dann erinnerte ich mich an die Stadtführung vom Vormittag. Die Stadtführerin verwies häufiger auf den Status Rothenburgs als freie Reichsstadt, über der nur der deutsche König und Kaiser stand. Und hatte ich im Museum nicht viele prächtige Strafgesetzbücher gesehen, die den Namen von Kaisern trugen, etwa die „Carolina“ Kaiser Karls V. von 1532? So fernliegend waren die Reichsinsignien in Rothenburg und im Mittelalterlichen Kriminalmuseum, Deutschlands bedeutendstem Rechtskundemuseum, also nicht.

 

Innenhof des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg

Logo des Mittelalterlichen Kriminalmuseums

Verwundert betrachtete ich die Heilige Lanze – ich hatte sie mir anders vorgestellt. Sollte dies nicht die Lanze sein, mit der ein römischer Soldat den Tod Jesu geprüft hatte (Joh. 19,34)? Die vor mir liegende Replik einer Lanze sah jedoch ganz anders aus als die römischen Lanzen aus dem Geschichtsbuch oder den Asterix-Heften. Diese hier war eine Flügellanze, ca. 50 cm lang, mit einer breiten und mit einer lateinischen Inschrift verzierten Goldmanschette. Und auch einen in die Spitze der Lanze eingelassenen Nagel hatte ich nicht erwartet. Die freundliche Museumsaufsicht musste meine Verwunderung bemerkt haben, denn sie kam auf mich zu. Von ihr erfuhr ich, dass die Heilige Lanze keine römische Lanze war, sondern eine langobardische Flügellanze aus dem 8. Jahrhundert. Die goldene Manschette wurde angebracht, da die Lanze in der Mitte zerbrochen war, und der eingelassene Nagel galt im Mittelalter als einer der heiligen Nägel, mit denen Jesus gekreuzigt worden war. Auch die lateinische Inschrift „LANCEA ET CLAVUS DOMINI“ wurde mir übersetzt: „Lanze und Nagel des Herrn“.

Lateinische Inschrift auf der Replik der Heiligen Lanze

 

Die Heilige Lanze als wichtigstes Herrschaftszeichen im Heiligen Römischen Reich

Mein Interesse war geweckt und ist bis heute nicht erloschen. Denn die Heilige Lanze ist viel mehr als ein beeindruckendes Relikt. Sie war das älteste und lange Zeit auch das wichtigste Herrschaftszeichen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, das in seiner Blütezeit fast das gesamte Gebiet des heutigen Mittel- und Teil Südeuropas umfasste. Als eine der Reichsinsignien war die Heilige Lanze für die Deutschen Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches von unschätzbarem Wert. Der Träger der Heiligen Lanze galt im Mittelalter als unbesiegbar und viele Schlachten sollen nur aufgrund der Anwesenheit der Lanze entschieden worden sein, so etwa die Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 zwischen dem ostfränkischen König und späteren Kaiser Otto dem Großen und den Ungarn. Die siegbringenden Kräfte der Lanze sind jedoch eher dem Bereich Mythos zuzuordnen, denn oft genug verloren ihr Träger auch Schlachten und Kriege. Dennoch versuchte jeder Herrscher des Reiches in den Besitz der Lanze zu kommen. Im späten Mittelalter wurde die Lanze als bedeutendstes Herrschaftszeichen abgelöst von einem anderen prachtvollen Gegenstand, der oktagonalen Reichskrone, die ebenfalls als Replik im ganzjährig geöffneten Mittelalterlichen Kriminalmuseum (www.facebook.com/kriminalmuseum www.kriminalmuseum.rothenburg.de) in Rothenburg ob der Tauber in der Burggasse 3-5 zu sehen ist.

Replik der Reichskrone im Mittelalterlichen Kriminalmuseum; Photo: Sabine Ketzler

 

Faszination Heilige Lanze

Die Heilige Lanze und die ihr zugeschriebenen Eigenschaften bewegten die Menschen über die Jahrhunderte hinweg. Es entstanden Legenden, gewaltige Musikwerke und Hollywoodfilme, die sich um die Heilige Lanze rankten. So nahm sich etwa Richard Wagner in seiner Oper Parsifal des Lanzenthemas an und lässt Amfortas, den Sohn des Königs Titurel, mit der Heiligen Lanze bewaffnet in den Kampf gegen Klingsor ziehen. Selbst heute noch bewegt die Heilige Lanze die Phantasie der Menschen. In dem Hollywood-Mystery-Thriller Constantine ist die Heilige Lanze ein Gegenstand, mit dessen Hilfe der Sohn des Teufels, Mammon, einen Weg auf die Erde findet könnte, um eine Schreckensherrschaft zu errichten. Die Protagonisten im Film sind natürlich erfolgreich, die Welt wird gerettet und eine Reise in das mittelalterliche Rothenburg und Kriminalmuseum muss kein apokalyptisches Endzeitsetting passieren, sondern kann als erholsame Erlebnistour über die Romantische Straße oder das Liebliche Taubertal beginnen.