„Hund und Katz – Wolf und Spatz“ – Tiere in der Rechtsgeschichte

Für unsere Vorfahren waren Tiere von enormer Bedeutung. In einer Zeit, in der der Mensch so gut wie keine maschinelle Unterstützung hatte, waren Arbeits-, Transport- und Zugtiere unverzichtbar. So hatte kaum ein Beruf nicht mit Tieren zu tun. Waren und Menschen – wollten sie nicht zu Fuß gehen – wurden von an Karren und Kutschen gespannten Eseln oder Ochsen befördert. Oder von Pferden, die sich aber nicht jeder leisten konnte.

Abbildung 1: Holzschnitt zu Feldarbeit mit Tieren, in: Von Gebuere und Billichkeit, Frankfurt a.M., 1550.
©MKM

Auch als Nahrungs- und Rohstoffquelle waren Tiere überlebensnotwendig für den Menschen. Die riesige Lebensmittelvielfalt, die wir heute fast unabhängig von Wetter und Jahreszeit genießen können, gab es in Mittelalter und Früher Neuzeit noch nicht. Sofern man nicht besonders wohlhabend war, wurde eben hauptsächlich das gegessen, was auf den Feldern wuchs oder auf den Weiden stand. Tierische Produkte waren – neben dem Fleisch – zum Beispiel Kuh-/Schafmilch, Hühner-/Gänseeier oder Honig. Weggeschmissen wurde dabei kaum etwas. Gewonnene Rohstoffe wie Wolle, Horn, Haut, Fell oder Wachs wurden wenn möglich immer weiterverarbeitet. Selbst das Glied von Ochsen/Stieren fand nach der Schlachtung noch Verwendung. Es wurde gezwirbelt und getrocknet und diente dann als fester, aber biegsamer Schlagstock bei zum Beispiel Prügelstrafen.

Fluch und Segen

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier war damals ein anderes, weil auch das Zusammenleben in dieser Zeit deutlich enger war, als es heute der Fall ist. Hier reicht ein Blick auf die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Straßen: Neben den Menschen tummeln sich dort auch die Tiere. Kuh, Schwein, Huhn oder Ziege leben Seite an Seite mit den Menschen. Ställe waren in Mittelalter und Früher Neuzeit eher die Ausnahme. Die Bauern ließen ihr Vieh so lange wie möglich auf den Weiden. Das war billiger, weil sie sich so eine aufwendige Fütterung sparten. Und wenn sie ihr Vieh irgendwann doch von der Weide holen mussten, war es meist einfach im eigenen Haus untergebracht. In der kalten Jahreszeit war es sogar üblich, mit dem Vieh gemeinsam in einem Raum zu schlafen. Denn: Je mehr Lebewesen in einem Raum sind, desto wärmer ist es. Eine Heizung gab es schließlich nicht.
Einerseits waren Tiere zwar von großem Wert für das Leben und den Wohlstand der Menschen. Andererseits waren sie für ebendies auch eine große Gefahr. Es ist nicht die Rede von Raubtieren wie Wolf oder Bär, die hierzulande in Mittelalter und Früher Neuzeit weit verbreitet und freilich eine große Gefahr für den Menschen waren. Streunende Hunde, Kühe oder Schweine teilten sich nicht nur den Alltag mit den Menschen, sondern machten diesen auch deutlich gefährlicher. Den daraus entstehenden Herausforderungen stellte sich der Mensch mit dem Recht. Und so wurden Tiere immer wieder Gegenstand der Gerichtsbarkeit, wie zum Beispiel in folgendem Fall:

Tödliche Schweine

Zurück ins 15. Jahrhundert, in das Jahr 1494. Es ist Winter. Der viele Schnee und die eisige Kälte machen Mensch und Tier in einem kleinen Ort irgendwo zwischen Rothenburg ob der Tauber und Nürnberg schwer zu schaffen. Um sich nachts einigermaßen warm zu halten, beschließt die Bauernfamilie, sich den Raum – wie die Nächte vorher – mit ihren Schweinen zu teilen. Bislang lief das auch immer problemlos. Diese Nacht wird das jüngste Familienmitglied – etwa neun Monate alt – jedoch nicht überleben. Eines der Schweine erdrückt das Kind im Schlaf und frisst ihm anschließend das Gesicht ab. Klingt nach einem Trash-Horror Film? In diesem Fall war die Realität allerdings der Regisseur. In einem französischen Ort ist 1494 so etwas passiert. Das belegen überlieferte Prozessakten. Denn der Vater des Kindes hat das Schwein nicht einfach erschlagen, sondern übergab es der örtlichen Gerichtsbarkeit. Nach der Zeugenbefragung wurde das Schwein also im nahen Kloster gefangen gehalten und die Rechtsvertreter versuchten nach Recht und Vernunft zu handeln und zu urteilen. So wie sie es auch bei einem menschlichen Verbrecher getan hätten. Das Schwein erhält für die Dauer des Verfahrens – und das ist das besondere - einen menschlichen Status. Am Ende dieses Tierprozesses wurde die Todesstrafe ausgesprochen und der Scharfrichter exekutierte das Schwein am Richtplatz.

Abbildung 2: Federzeichnung mit Tötung eines Kindes durch ein Schwein, in: J.J. Wick, Nachrichtensammlung, um 1560.
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Streunende Hunde

Ein weiteres großes Problem für viele Städte waren die streunenden Hunde. Zwar waren nicht alle von ihnen wirklich herrenlos, viele Halter haben sich einfach nicht um ihr Tier gekümmert. Vor allem Metzgern wurde vorgeworfen, zu viele Hunde zu halten. Die zum Treiben des Schlachtviehs und mit Schlachtabfällen gefütterten „Bullenbeißer“ (doggenartige Hunde) waren besonders aggressiv und bissig. Sehr zum Leidwesen einiger Menschen. Es kam zu vielen Unfällen, wobei oft nicht mal ein Hundehalter ermittelt werden konnte. Als erste Maßnahme um die Straßen sicherer zu machen, wurden vielerorts Hundeschläger (meist der örtliche Scharfrichter) beauftragt, die mit Keulen oder Steinen alle streunenden und nicht gekennzeichneten Hunde erschlagen sollten. Bezahlt wurden die Hundeschläger übrigens pro erschlagenen Hund. Außerdem gab es mit der Zeit immer mehr Verordnungen zu angemessener Hundehaltung. Beispielsweise durften mancherorts Metzger nicht mehr als zwei Hunde halten und es wurden bissige Hunde auf öffentlichen Straßen und in öffentlichen Einrichtungen verboten.
Das enge Zusammenleben von Mensch und Tier wurde – gerade aus Hygienegründen – seit dem 16. Jahrhundert von der Obrigkeit immer weniger geduldet. Es entwickelten sich Verordnungen und Dekrete, die die als störend empfundenen Tiere nach und nach aus dem menschlichen Alltag verdrängten.

Klägliche Versuche

Ernte- und Vorratsschädlinge waren eine beständige Last und Bedrohung für die Menschen. Heuschreckeneinfälle oder Schneckenplagen führten schnell zu Missernten, Hunger und Not. Die Menschen in vormoderner Zeit hatten kaum eine Chance, großen Schädlingsbefall ernsthaft zu bekämpfen. Im Mittelalter wurden Ungezieferplagen und Naturkatastrophen als Strafe Gottes gesehen, worauf unsere Vorfahren mit Gottesdiensten, Buß- und Bittgängen reagierten. Die großen Heuschreckenplagen ab 1338 beispielsweise galten als Vorboten des Jüngsten Gerichts. Ein amtliches Verbot für öffentliche Tänze, Würfel- und Kartenspiel sollte gegen die Plagen helfen. Durch einen „besseren“ Lebensstil erhofften sich die Menschen die Gnade Gottes. Oder sie versuchten die noch jungen, nicht flugfähigen Heuschrecken mit Feuer und Knüppelschlägen – wie beispielsweise in Kärnten - zu bekämpfen.
In manchen europäischen Regionen wollten die Menschen die Schädlinge sogar gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. Heuschrecken, Schnecken, Mäuse und Co wurden als Rechtsbrecher angesehen, die deswegen mit einem Prozess rechnen mussten. Aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit sind viele dieser Prozesse überliefert. Die regelmäßig vor geistlichen Gerichten geführten Verfahren endeten typischerweise mit der Verbannung und/oder der Verfluchung des angeklagten Schädlings.

Abbildung 3: Holzschnitt zu Wanderheuschrecken, in: H. Schedel, Liber Chronicarum, Nürnberg, 1493.
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Zumindest eingermaßen gewappnet waren die Menschen für einzelne Mäuse in Haus, Stall oder Scheune. Dafür wurden Katzen eingesetzt. Bei massenweisem Auftreten von Nagetier im Garten oder auf den Feldern waren aber auch die Katzen chancenlos. Hier versuchten unsere Vorfahren durch mühseliges Einfangen der Schädlinge, Aufstellen von Fallen oder das – für Tier und Mensch gefährliche – Auslegen von Giftködern, dem Befall entgegenzuwirken
Ab dem 16. Jahrhundert tauchen in den Rechtsquellen neue Berufszweige zur Schädlingsbekämpfung auf. Die Rede ist unter anderem von Otterjägern, Raben- und Spatzenschützen, die gezielt zur Bekämpfung der jeweils schädlichen Tiere eingesetzt wurden.
Im Verlauf der Frühen Neuzeit entdeckten die Menschen dann eine weitere Ursache für die Schädlinge: Die Hexerei. Im 17. Jahrhundert – Höhepunkt der Hexenverfolgung in Deutschland – kam es vermehrt zu Hexenprozessen, in denen den Angeklagten vorgeworfen wurde, Ungeziefer herbeigezaubert zu haben.

Abbildung 4: Nachkolorierter Holzschnitt zu den Hexeneigenschaften und -tieren, in: Neuer Laienspiegel, Augsburg, 1511.
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Sonderausstellung im Kriminalmuseum

In der Zeit reisen und hautnah miterleben, wie Mensch und Tier in alter Zeit ihren oft harten und beschwerlichen Alltag gemeistert haben, bleibt vorerst nur ein Wunsch. Wer aber nicht so lange warten kann, bis dies vielleicht doch irgendwann möglich ist, kann das Mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber besuchen. Mit der Jübiläums-Sonderausstellung 2020 präsentiert das Kriminalmuseum – zusätzlich zur Präsenzausstellung - seinen Gästen einen tiefen Einblick in das Verhältnis von Mensch und Tier im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. „Hund und Katz – Wolf und Spatz: Tiere in der Rechtsgeschichte“ entführt seine Besucher in eine fremde Zeit der Tierprozesse und Tierstrafen. Spannende Mordprozesse mit Wölfen und Schweinen als Angeklagte, exkommunizierte Delfine und verfluchte Heuschrecken. Eine Zeit, in der die Obrigkeit ein Kopfgeld auf Spatzen und Mäuse ausgesetzt hat. In der Tiere nicht nur selbst hingerichtet wurden, sondern auch Beiwerk grausamer Todesstrafen wie dem Hängen mit Hunden, dem Säcken und dem Vierteilen waren. Für alle, die es weniger grausam mögen, gibt es vom außerdem Exkurse zum Nutztier und zu Hexen-, Fabel- und Wappentieren zu sehen.
Die Ausstellung „Hund und Katz – Wolf und Spatz: Tiere in der Rechtsgeschichte“ können Sie vom 3. Mai bis einschließlich 31. Dezember 2020 täglich von 13 Uhr bis 18 Uhr im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber besuchen.
(Markus Hirte/Tim Weißmann)

Abbildung 5: Collage Tiere in der Rechtsgeschichte.
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